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Kultur Festival endet mit positiver Bilanz
Nachrichten Kultur Festival endet mit positiver Bilanz
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19:06 09.09.2012
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Pierre Gigals „Standards“. Quelle: Grosbois
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Hannover

Sie will ihrem Publikum nach eigenen Worten nur „Sahnehäubchen“ servieren. Und in der Tat beinhaltete das von Christiane Winter zusammengestellte Programm des hannoverschen Festivals Tanztheater International auch in diesem Jahr alles andere als kalten Kaffee. Die Mischung aus Neuentdeckungen und bereits mehrfach in Hannover aufgetretenen Stars der Szene wie etwa Pierre Rigal und Gintersdorfer/Klaßen, die sich den Themenschwerpunkten urbanes Leben und Ästhetiken des Alltags widmeten, kam an: Rund 3500 Besucher zog es zu den insgesamt 13 Vorstellungen des zehntägigen Festivals. Mit einer Auslastung von 95 Prozent knüpft Tanztheater International mühelos an die Erfolge in den Vorjahren an.

Zum Finale gab es mit „Logobi 05“ im Ballhof und „Standards“ von Pierre Rigal und seiner Compagnie Dernière Minute in der Musikhochschule noch einmal zwei besondere Highlights zu sehen: Regisseurin Monika Gintersdorfer und der bildende Künstler Knut Klaßen beleuchten in ihrer „Logobi“-Serie die Unterschiede zwischen europäischer und afrikanischer Tanztradition. Für „Logobi 05“ konnten sie neben Franck Edmond Yao, mit dem das Duo schon länger zusammenarbeitet, auch Richard Siegal gewinnen, den einstigen Startänzer aus der Compagnie von William Forsythe am Ballett Frankfurt.

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Der US-Amerikaner arbeitet als Choreograf und Tänzer in Frankreich. Er spricht akzentfrei Französisch, was es ihm leicht macht, Yaos Äußerungen zu verstehen und für das Publikum ins Englische zu übersetzen. Denn die beiden tanzen nicht nur, sondern unterhalten sich auch. Über Fische, Hierarchien, Großväter und die asiatische Tanztheaterform Butoh. Yao lässt dabei buchstäblich die Muskeln tanzen. Mit breiter Brust verteidigt er den afrikanischen Tanz als Konglomerat unzähliger Ethnien. Der Rhythmus im Blut lässt ihn auch noch weitertanzen, als die Musik schon längst verklungen ist. Siegal mimt den selbstironischen Clown, er parodiert klassische Bewegungsformen, aber auch Yaos temporeiche Fußarbeit. In „Logobi 05“ treten zwei Großmeister des Tanzes zum Schlagabtausch an, die sich dennoch nicht gegenseitig die Show stehlen, sondern ein anspruchsvolles, sinnliches und zugleich urkomisches Duett hinlegen.

Hip-Hop bestimmte den Abschluss. Winter hatte in diesem Jahr einen Schwerpunkt auf diese Tanzform gesetzt. Dabei ging es nie um die Abfolge reiner Moves, sondern um die Weiterentwicklung des Tanzstils und seine Kombination mit Bewegungsmaterial des zeitgenössischen Tanztheaters. Der ehemalige Athlet Pierre Rigal ist ein Meister dieser Verquickung. In „Standards“ lässt er eine Art Gang die französischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vertanzen. Rigal erzeugt mit Tempounterschieden enorme Spannungsbögen: Zu wummernden Technobeats rütteln und schütteln sich die Tänzer, um im nächsten Moment zu sanften, nautisch anmutenden Klängen in Zeitlupe zu agieren.

Fast jede Vorstellung dieses Festivals war ausverkauft, und immer gab es begeisterten Applaus. Dass das Publikum auf das qualitativ hohe Niveau der Vorstellungen vertraut und neugierig auf neuen Tanz ist, bewies nicht zuletzt „Think Big“, das Ergebnis des mit der Staatsoper zusammen initiierten Künstlerresidenzprogramms. Mehr als 400 Besucher kamen, um die eigens für das Festival kreierten Arbeiten dreier Nachwuchschoreografen zu sehen. Winter hofft für 2013 auf eine Neuauflage. Bald schon muss sie für das Programm im nächsten Jahr wieder auf die Suche nach „Sahnehäubchen“ gehen. Eine Strategie dafür, sagt sie, habe sie nicht im Kopf. Sie entscheidet lieber aus dem Bauch heraus: „Es muss irgendwie passen.“

Rainer Wagner 09.09.2012
12.09.2012
09.09.2012