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Kultur Fiedler inszeniert Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“
Nachrichten Kultur Fiedler inszeniert Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“
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19:20 06.11.2011
Von Ronald Meyer-Arlt
Beziehungskiste: Julia Schmalbrock und Daniel Christensen.
Beziehungskiste: Julia Schmalbrock und Daniel Christensen. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Ihre Welt ist von Pappe und recht flach. Lotte und Albert richten sich ihr Häuschen ein, wie Maklerangebote so etwas vormachen. „Bad“ schreibt Albert mit schwarzer Farbe in eine Ecke der Packpapierfläche, die die ganze Bühne bedeckt. Man lebt im Plan: Die Wände sind schwarze Striche, und dort, wo eine Tür sein soll, weist ein Strich zur Seite. Eigentlich könnte es ganz schön sein, in diesem Exposé einer glücklichen Ehe.

Aber da ist ja noch Werther. Werther interessiert sich nicht für „Schöner wohnen“. Werther interessiert sich für Lotte. Eine Zeit lang geht das gut, zu dritt, aber Lotte hat sich doch für Albert entschieden, den braven Beamten und treuen Familienernährer (für den der hannoversche Legationssekretär Johann Christian Kestner das Vorbild lieferte) – und irgendwann ist klar, dass für Werther kein Platz ist. Am Ende schießt sich Werther in den Kopf, und im Papphaus von Lotte und Albert liegt eine Welt in Trümmern.

Florian Fiedler, Hausregisseur am Schauspiel Hannover, zeigt im Ballhof, dem Spielort des Jungen Schauspiels, eine ziemlich wilde, ziemlich jugendliche und auch ziemlich berührende Version von Goethes berühmtem Briefroman. Auf der Bühne wüten drei Schauspieler. Ein Schlagzeuger (Martin Engelbach, der auch einige Nebenrollen übernimmt) treibt das Stück mit harten und auch sanften Schlägen voran.

Ein Briefroman dient zwar als Vorlage, viele Worte aber braucht diese Liebe nicht. Die Zuneigung zwischen Lotte und Werther entsteht beim Body-Painting. Werther malt Lotte, Lotte malt Werther mit weißer Farbe an. Dann machen sie Körperabdrücke auf dem Packpapierboden. Dieser Werther: ein Genie zum Verlieben.

Regisseur Fiedler lässt viel mit Körperlichkeit und Musik erzählen, aber er nimmt Goethe oft auch beim Wort. Sogar die berühmte Gewitterszene, bei der Lotte und Werther im Regen stehen und ihre Empfindung in ein einziges Wort – „Klopstock“ – gießen, wird halbwegs realistisch gespielt.

Andererseits wird viel gesungen (selbstverständlich auch Nirvanas Herzschmerzhymne „Smells Like Teen Spirit“), viel mit Farbe und mit Theaterblut herumgeschmiert. Man agiert gelegentlich unbekleidet, turnt im Parkett herum, prügelt die Luftgitarre und tut so, als würde man aus dem Theaterspiel aussteigen. Diese Darstellungsmittel des Theaters sind nicht mehr ganz neu – aber das ist die Inszenierung schließlich auch nicht. Im Frühjahr 2005 hat Fiedler den „Werther“ bereits in Frankfurt herausgebracht. Daniel Christensen als Werther und Mathias Max Herrmann als Albert waren damals schon dabei (neu hinzugekommen ist Julia Schmalbrock als merkwürdig spröde Lotte), und auch die Bühne aus Packpapier und Pappkartons war so zu sehen. Die Produktion war sehr erfolgreich. Und vielleicht wird sie das in Hannover ja auch. Kraft und Intensität hat sie schließlich. Und gute Schauspieler, die auch singen können, hat sie auch. Die Zuschauer waren angetan und applaudierten freundlichst.

Alles gut – also? Nein. Denn an einer Stelle erlaubt sich der Regisseur eine ganz unverständliche Grobheit. Um Werthers Verzweiflung zu illustrieren, springt Daniel Christensen gegen Ende wiederholt von einem Gerüst in einen Stapel Pappkartons. Und während man noch „Wenn das bloß gut geht“ denkt, stürzt der Schauspieler neben die Kartons und bleibt hinter der Bühne liegen. Seine Kollegen rufen ihn entsetzt beim Namen, die Souffleuse springt auf – es scheint ein Theaterunfall zu sein. Dann stellt sich heraus: Alles nur gespielt.

Im Frühjahr ist der Schauspieler Bernd Grawert bei der Premiere von „Herzog Theodor von Gothland“ tatsächlich in die Tiefe gestürzt. Er wurde dabei schwer verletzt. Nun macht man einen Theaterwitz aus der Angelegenheit. Unsensibler geht’s eigentlich nicht.

Wieder am 12. November, sowie am 1., 10. und 27. Dezember.

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