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Kultur Ai Weiwei: „Wer das sieht, will doch helfen“
Nachrichten Kultur Ai Weiwei: „Wer das sieht, will doch helfen“
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00:15 21.11.2017
Human FlowAi Weiwei Human Flow
Human FlowAi Weiwei Human Flow Quelle: Foto: NFP
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Hannover

Gerade haben Sie eine Ausstellung in New York eröffnet, jetzt präsentieren Sie Ihren Film „Human Flow“ in Deutschland. Ist man viel unterwegs als internationaler Künstler?

So ist es erst seit kurzem. Vor zwei Jahren hatte ich nicht einmal einen Pass. Ich durfte nicht reisen, auch nicht in China. Zwei meiner Anwälte sind da immer noch in Haft.

Und nun dieser Film über Flüchtlinge. Wie  ist es dazu gekommen?

Ich war nie ein Künstler, der in einer und für eine bloße Kunstwelt lebt. Ich kann gar nicht anders als mich einzumischen. Das war schon in China so, etwa als ich die Dokumentation über staatliche Versäumnisse nach dem Erdbeben von 2008 in Sichuan gedreht habe. Ein Film, der mich dann in Konflikt mit der Obrigkeit gebracht hat. Im Gefängnis habe ich diese Neugier entwickelt, die Lage von Flüchtlingen zu verstehen.

Warum?

Ich war ja selbst Flüchtling, in meiner eigenen Nation: Weil mein Vater, der Schriftsteller Ai Qing, Regimekritiker war, wurden wir in die Mandschurei verbannt. Nach dem Umzug nach Berlin 2015 verbrachte ich einige Zeit mit meinem Sohn und meiner Partnerin auf Lesbos. Auf dieser Insel vor der türkischen Küste erlebte ich den Flüchtlingsansturm. Da entschied ich, mein Studio zeitweilig  nach Lesbos zu verlegen. Ich wollte diesen Flüchtlingen nahe sein, die genauso heimatlos waren wie ich. Die Bedingungen, unter denen sie dort leben mussten, waren einfach inakzeptabel. Wer das sieht, will doch helfen.

Fotostrecke Kultur Allgemein: Ai Weiwei rührt mit Film Hannoveraner zu Tränen

So ist die Filmidee entstanden?

Das war der Anfangsimpuls. Erst später ist mir klargeworden, dass ein viel größeres Projekt daraus werden würde. Wir haben von Lesbos aus übers Meer geblickt und wollten wissen, was auf der türkischen Seite los ist. Wir schauten uns die Lager an der syrischen Grenze an, haben die Geschichte des Flüchtlingselends recherchiert. Das hat unseren Blick auf Israel, Gaza und weitere Länder gelenkt.

Also erst die Recherche, dann der Film?

Am Anfang stand die emotionale Beteiligung. Ich bin während der Kulturrevolution zur Schule gegangen, da wurde man über den Rest der Welt nur sehr bruchstückhaft  informiert. Ich wollte etwas nachholen, wollte verstehen, was los ist auf der Welt. Dieses Filmprojekt war meine große Chance zu lernen. Zu verstehen, was die Herausforderungen der Zukunft sind.

„Human Flow“ zeigt, wie groß die Zahl der Flüchtlinge ist. Wie vermeiden Sie, dass Menschen, die vor Gefahren fliehen, in Europa selbst als Gefahr erlebt werden?

Ganz einfach, da hilft die Statistik: Nach Europa streben weniger als vier Prozent aller Flüchtlinge, der  größte Teil der Fluchtbewegungen passiert in anderen Kontinenten, die allermeisten fliehen innerhalb ihrer eigenen Länder. 95 Prozent der Flüchtlinge sind in Staaten unterwegs, die nur über zwei Prozent der globalen Ressourcen verfügen. In den USA gibt es nur 50.000 Flüchtlinge, in einem Land, das 40 Prozent der Weltressourcen verbraucht, also: Wo ist das Problem?

Ihr Film zeigt einen Jungen, der ein Schild mit der Aufschrift „Respekt“ hält. Oder auch einen Mann im Gebet. Welche Funktion haben solche Szenen?

Sie drücken aus, dass mit den Flüchtlingen auch ihre Menschlichkeit, ihre Identität, ihr kultureller Reichtum zu uns kommt – wenn wir nicht zulassen, dass er mit diesen Menschen zugrundegeht. Als eine sehr zivilisierte, sehr rationale Gesellschaft müssen wir zu fundamentalen Werten stehen. Diese Werte sind es doch, die die menschliche Spezies von anderen Arten unterscheiden.

Einige Filmkritiker haben bemängelt, dass Sie im Film selbst als Akteur auftreten. Was sagen Sie zum Vorwurf der Selbstinszenierung?

Darum geht es nicht. Ich bin Teil der Welt, sie ist Teil von mir. Ich lehne  diesen objektivistischen Reportagestil ab, der eine Kluft zwischen mir und den im Film gezeigten Menschen errichtet. Ich bin keine isolierte Persönlichkeit, ich bin derjenige, der seine Emotion in eine Situation einbringt, die er zu verstehen versucht.

Als Sie sich im Februar 2016 so am Strand von Lesbos haben fotografieren  lassen, wie dort der ertrunkene dreijährige Aylan Kurdi im September 2015 aufgefunden wurde, beklagten Kritiker, sie würden da das Opfer spielen.

Ich muss nichts spielen, in gewissem Sinne werden wir alle immer wieder zu Opfern. Wir werden alle aufs Kreuz gelegt, jeder auf seine Weise.

„Die Grenze ist nicht auf Lesbos, sie ist in unseren Köpfen und Herzen“, haben Sie gesagt. Wie kann man diese Grenze überwinden?

Wir müssen verstehen, dass der Charakter der Menschheit von unserer Mitmenschlichkeit abhängt. Wir sollten uns Frauen unter den Flüchtlingen als unsere Mütter und Kinder als unsere Brüder vorstellen. Unseren Verwandten würden wir helfen. Wenn wir aber nicht auch anderen helfen, löst das ein Desaster in unseren Köpfen und Herzen aus. Dann droht dieser blutige Hass, der unsere Humanität zerstört. Es geht darum, wie ehrlich und wahrhaftig wir die Realität wahrnehmen. Das ist der Maßstab …

 … für Menschlichkeit?

Genau.

Das ist ein spannendes, ein großes Thema. Aber ist es ein originärer Gegenstand der Kunst? „Kunst ist eine Methode, um für innere Freiheit zu kämpfen“, haben Sie einmal gesagt. Doch hier kämpfen Sie auch für äußere Freiheit.

Aus meiner Sicht entsteht Kunst, wenn ich ehrlich und wahrhaftig engagiert bin und es mir gelingt, diesem Engagement eine ästhetische Form zu verleihen. Wie  bei  diesem Film. Das ist eine Form, mit der ich Kommunikation aufbaue. Denn Kunst existiert nicht für sich, losgelöst von Politik und Wirklichkeit. Jede Ästhetik muss auch ein Brückenschlag zu unserer  Moral und Philosophie sein.

Was ist ihr nächstes Projekt? Ein ganz anderes Thema?

Menschlichkeit zu verstehen und für dieses Verständnis eine Form zu finden, eine passende Sprache – das wird immer mein Ziel sein, und daran arbeite ich weiter.

Interview: Daniel Alexander Schacht

Ai Weiwei, geboren 1957 in Peking, ist der weltweit bekannteste regierungskritische Künstler Chinas. Er hat seine Kindheit in der Mandschurei verbracht, weil die Familie wegen der Regimekritik seines Vaters, des Schriftstellers Ai Qing, dorthin verbannt worden war. Erst Ende der Siebzigerjahre konnte Ai Weiwei in Peking an der Filmakademie studieren, seit den Achtzigerjahren hat er mehr als ein Jahrzehnt in New York gelebt, von wo er wegen der Erkrankung des Vaters nach Peking zurückgekehrt ist. Wegen anhaltender Regimekritik und der klaren politischen Positionierung des Konzeptkünstlers wurde er Hürden, Arbeitsrestriktionen und Gefängnisstrafen ausgesetzt. Seit 2015 lebt er mit seiner Partnerin und seinem Sohn in Berlin.

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