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Kultur Filmfestival „Up and Coming“ endet am Sonntag mit Preisvergabe
Nachrichten Kultur Filmfestival „Up and Coming“ endet am Sonntag mit Preisvergabe
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12:02 26.11.2011
Von Stefan Stosch
Da fliegen die Fetzen: Klassen-Kampf im Beitrag „Sanduhrzeit“. Quelle: Festival
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Premiere bei „Up and Coming“: Erstmals gibt es Umhängetaschen zum Festival. Beim Infostand im ersten Stock im Cinemaxx Nikolaistraße sind 100 Unikate zu kaufen (für 25 Euro das Stück), angefertigt aus ehemaligen „Up and Coming“-Werbefolien. Damit wird ein bisschen der Berlinale nachgeeifert, wo jährlich wechselnde Taschenmodelle begehrte Sammlerstücke sind, echte Markenprodukte sozusagen.

Das passt: Eine Marke für Nachwuchsfilmer ist „Up and Coming“, das einstige Schülerfilmfestival, ja auch. Überzeugen davon kann man sich noch bis Sonntag. 220 Filme aus 45 Ländern – insgesamt 36 Stunden Kino – sind im nationalen und internationalen Wettbewerb.

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Die Vielfalt der Filme ist kaum zu überblicken. Nacheinander kann man von einer Dokumentation über todesmutige Fahrradfahrer in New York („Personal Velocity“) in ein türkisches Familiendrama am Fuße des Ararats („Snow“) geraten, von einem russischen Animationsfilm über ein Liebespärchen auf einer windumtosten Klippe („Coast Warning“) in einen Machtkampf zwischen Schüler und Lehrerin im Klassenzimmer („Sanduhrzeit“ von der Video-AG des Puschkin-Gymnasiums in Hennigsdorf).

Manche Filme sind eine halbe Minute lang, andere eine Stunde. Experimentelles, Dokumentar-, Animations- und Spielfilm – alles ist im Angebot. Die Qualität der Beiträge ist extrem unterschiedlich. Anders kann es auch gar nicht sein: Unter den Teilnehmern sind siebenjährige Grundschüler genauso wie 27-jährige Filmstudenten. So wird Kino zur Wundertüte.

Draußen vor den Sälen laufen Kameras und Scheinwerfer, Mikrofone lauern überall. Die Festivalgäste vergewissern sich ihrer Kunst und machen sich zugleich zum Gegenstand derselben. Der Gegensatz zum üblichen Kinogeschäft ist hart: Unten im Cinemaxx wird auf Plakaten aktuelle Hollywood-Ware wie „Twilight 4“ angepriesen, oben bewegt man sich in einem Kino-Versuchslabor – und ist immer wieder überrascht von der Professionalität einzelner Beiträge.

Die beiden hannoverschen Mediendesign-Studenten Constantin Maier und Robert Fischer zum Beispiel erzählen in „Augen Blick“ eine märchenhafte Liebesgeschichte. Ein junger Mann macht sich im Wortsinn ein Bild von einer Frau: Der Mann ist begeisterter Zeichner, und so hat er auch die Frau seiner Träume mit kratzendem Bleistift auf Papier gebannt – um sie sogleich in Hannovers Fußgängerzone leibhaftig zu entdecken. Die beiden ziehen – ohne Worte, es gibt keinen Dialog – durch die Stadt. Die Grenze zwischen Zeichnung und Wirklichkeit wird aufgehoben.

Es gibt eine DVD zum Film und darauf ein Making-of, das nur zwei Minuten kürzer ist als der Film. Da sitzen die Filmemacher und plaudern fachkundig über Preproduction, Storyboard, den Dreh mit dem Kamerakran oder ausgeklügelte „Lichtsituationen“. Früher sind Kurzfilme noch entstanden, indem sich junge Leute eine Kamera schnappten und loslegten, heute planen sie mit ausgefeiltem technischen Wissen.

Auch der Handyfilm wird zur Kunst, wie eine Hamburger Schülergruppe zeigte: In „Das zweite Ich“ verfolgen die Jugendlichen tanzende Menschenschatten durch die Stadt. Viele Schülerfilme haben ganz selbstverständlich englischsprachige Untertitel. Die Regisseure des Begleitprogramms „Sprungbrett“, die während des Festivals auf Hannovers Straßen Kurzfilme drehten, schnitten diese an ihren eigenen Computern im Hotel.

Filme lassen sich heute so kostengünstig produzieren, dass man sich kaum noch vor bewegten Bildern retten kann. Es kommt folglich darauf an, dass jemand die sehenswerten Werke aus der Masse herausfiltert. Die „Up and Coming“-Veranstalter Burkhard, Karin und Harald Inhülsen sichteten im Vorfeld knapp 3000 Filme.

Einen roten Faden im Programm sucht man vergeblich. Nach Ansicht der Veranstalter haben gesellschaftspolitische Themen zugenommen, Filme über die Opfer der politischen Krise in Thailand beispielsweise („A brief History of Memory“) oder über die Not von Flüchtlingen („Die Flucht“ der Klasse 9c der Leibnizschule Hannover).

Ganz nah rückte die Gewalt in Nordafrika dem Festival: Heute um 16 Uhr zeigt der ägyptische Regisseur Osama El Wardani seine Dokumentation „Tahrir – Bengasi“. Am Montagabend wurde der 23-Jährige auf dem Tahrir-Platz in Kairo von der Polizei angeschossen, er reiste trotzdem nach Hannover.

Hinter solchen dramatischen Geschichten gerät die eigentliche Qualität von „Up and Coming“ beinahe aus dem Blick: Junge Filmemacher probieren sich ohne jeden Marktdruck aus, lange bevor sie sich an Hochschulen bewerben. Ihren ersten Kick kriegen sie in Hannover – so wie Fatih Akin, Dennis Gansel oder Ali Samadi Ahadi, die im Schüleralter hier ihre Frühwerke präsentierten. Wer weiß, wer aus dem Jahrgang 2011 noch von sich reden machen wird.

Die in Hannover inszenierten „Sprungbrett“-Filme sind am heutigen Sonnabend um 22 Uhr zu sehen. Die Festivalpreise werden am morgigen Sonntag um 11.30 Uhr vergeben, die prämierten Filme laufen danach noch einmal komplett um 14 Uhr. Mehr zum Programm unter www.up-and-coming.de.

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