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Kultur „Capernaum“: Anklage gegen die eigenen Eltern
Nachrichten Kultur „Capernaum“: Anklage gegen die eigenen Eltern
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06:00 16.01.2019
Ganz auf sich allein gestellt: Zain (Zain al-Raffea) im Libanon.
Ganz auf sich allein gestellt: Zain (Zain al-Raffea) im Libanon. Quelle: Foto: Alamode
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Hannover

Ungeheuerlich, was der Zwölfjährige vor Gericht sagt. Er klagt seine Eltern an, ihn auf diese unbarmherzige Welt gebracht zu haben. Ein Leben ohne Zukunft warte auf ihn im Libanon. Die Eltern, sagt Zain (Zain al-Raffea), hätten ihn und seine Geschwister ihrer Kindheit beraubt.

Die Regisseurin zeigt den harten Kampf ums Überleben

Diese Eltern sind nicht böse, aber sie vegetieren am Rand der Gesellschaft. Andere gehen in die Schule, Zain muss arbeiten. Er dealt, scheut auch vor Gewalttaten nicht zurück, und nun brummt er wegen eines Messerangriffs auf einen Mann im Knast seine Strafe ab.

Nur zu seiner Schwester Sahar verspürt der Junge Zuneigung. Kurz nach der ersten Menstruation gilt das Mädchen als heiratsreif und wird für ein paar Hühner an den reichen Vermieter verscherbelt. Zain läuft von zu Hause weg.

Die libanesische Regisseurin Nadine Labaki suhlt sich trotz aufdringlich-pathetischer Musik nicht in Mitleid. In langen Rückblenden schildert sie zwischen dokumentarischer Anmutung und Fabel den harten Kampf ums Überleben.

Nadine Labakis Film ist von herzzerreißender Authentizität

Die Kamera ist auf Höhe des kindlichen Protagonisten. Mit Zains Augen verfolgen wir das menschliche Elend. Der französische Originaltitel „Capernaum“ bezieht sich auf die biblische Stadt am See Genezareth, wo einst Chaos herrschte wie heute in den verwahrlosten Vierteln Beiruts.

Die herzzerreißende Authentizität speist sich nicht nur aus jahrelangen Recherchen und dem Dreh an Originalschauplätzen: Die Laiendarsteller haben Menschenhandel, Rassismus, Abschiebung aus eigener Erfahrung kennengelernt. Beeindruckend, was Labaki in ihrem dritten Spielfilm nach „Caramel“ und „Wer weiß, wohin“ aus den Kinderdarstellern holt, vor allem aus der charismatischen Hauptfigur.

Wenn das dünne Kerlchen mit den Strubbelhaaren am Ende einen Ausweis bekommt und damit erstmals offiziell existiert, huscht ein zartes Lächeln über sein Gesicht.

Von Margret Köhler / RND