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Nachrichten Kultur Der neue „Robin Hood“ bestiehlt nicht nur die Reichen
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06:26 08.01.2019
Er scheint den Bogen raus zu haben, aber das täuscht: Robin von Loxley (Taron Egerton) kämpft in Arabien für die Christenheit. Quelle: Foto: StudioCanal
Hannover

Ja ja, wir wissen‘s! Robin Hood gab‘s erstens gar nicht, und zweitens war er ganz anders. Nicht so feminin in Strumpfhosen gewandet wie der spitzbärtige Errol Flynn in dem Film von 1938, gewiss nicht so vom Friseur verpfuscht wie Kevin Costners Vokuhila-Robin von 1991. Vielmehr eine Verdichtung diverser Persönlichkeiten und Begebenheiten.

„Vergesst was ihr gehört habt, vergesst, was ihr zu wissen glaubt“

Wen schert‘s? Die Geschichte von Robin ist wichtiger als ihre Verbürgtheit. Der Hood hat uns immer ermahnt, wie man sein soll, ob ihn nun Sean Connery spielte, Russell Crowe oder ein Fuchs aus den Disney-Gefilden: widerständisch gegen alles Unrecht, loyal zu guten Herrschern, teilend mit den Armen und Elenden. Dass man dazu Räuber sein durfte, war ja das Schöne.

Otto Bathurst, umtriebiger britischer TV-Regisseur von Serien wie „Criminal Justice“, „Peaky Blinders“ und derzeit „His Dark Materials“, sortiert in seiner Verfilmung den Mythos nach Gutdünken neu. „Vergesst, was ihr gehört habt, vergesst, was ihr zu wissen glaubt“, lautet der Eingangsmonolog zu „Robin Hood“. Oje. Kriegen wir keinen dunklen Sherwood Forest zu sehen? Keine gewitzten Vogelfreien? Zweimal „nein“.

Immerhin sind wir in Nottingham, das hier ein Staat im englischen Staate zu sein scheint. Der Sheriff dieses Gemeinwesens (Ben Mendelsohn) verpflichtet Lord Robin (Taron Egerton) zum Kriegsdienst im Heiligen Land. Als der tot geglaubte Edelherr von Loxley wieder nach Hause zu seiner geliebten Lady Marian (Eve Hewson) zurückkehren will, muss er feststellen, dass sein Familiensitz zerstört ist, sein Geld weg und seine Braut vergeben ist und das Volk überdies grausam unterdrückt wird.

Die Geschichte von Robin Hood wird deutlich verbreitert

Entsprechend tut er sich mit einem aus sehr persönlichen Gründen überaus kampflustigen arabischen Flüchtling (Jamie Foxx) zusammen, der in dieser Neuerzählung den Platz von Little John einnimmt. Und: Revenge is Bloodsausage!

Bathurst geht erzählerisch in die Breite statt Tiefe. Die Geschichte klassenübergreifender Nächstenliebe kennt jedes Kind. Also muss der neueste Robin auch noch eine Verschwörung in der Regierung von Nottingham aufdecken. Und der Little-John-Ersatz führt mit dem Sheriff einen Disput über die Gier und Grausamkeit der moralisch verkommenen Kirche. Religion als Movens für Terror und Krieg: Ja, dieser Film will Relevanz in unseren Tagen.

Aus der legendären Romanze wird eine Dreiecksbeziehung. Hewson ist als Maid Marian dabei alles andere als die erwartete selbstbewusste Frau der #MeToo-Zeit. Zwar empfiehlt sie dem „Robbing Hood“ den Wohlfahrtsdiebstahl als Visitenkarte, stellt aber sogar beim Pferdestehlen ihr Dekolletee aus.

Robin Hood und alle anderen Figuren bleiben skizzenhaft

Dass sie auch Will Scarlets (Jamie „50 Shades“ Dornan) Auge auf sich ruhen lässt, ist indes kein Wunder. Scarlets heiliger Zorn gegen die Obrigkeit reißt den Zuschauer punktuell aus der Betrübnis einer extrem klamottenstylischen, Gag- und Computereffekt-verliebten Historienoperette.

In der Robin wie auch alle anderen Skizzen bleiben, was den Grad der Anrührung stark mindert. Schon in Ridley Scotts „Roin Hood“ (2010) empfanden wir Mark Strong, einen Schauspieler mit Bösewicht-Abo, als belächelnswerten Darth Vader für Mediävisten. Im Vergleich zu Ben Mendelssohns lahmen Populisten-Sheriff aber war Strong der Satan in Menschengestalt.

Wir liebten den Hood für seine tänzerische Eleganz und seinen prickelnden Humor, für seine superheldischen Pfeile, die den Pfeil des Gegners im Schwarzen der Turnierscheibe noch spalteten, und zwar ganz ohne CGI-Mätzchen. Robin Hood hatte den Bogen raus, stand für sich, hatte sogar eine sozialistische Botschaft für die nimmersatten Vermögensmehrer.

Kurz und knapp: Sie nennen Robin tatsächlich Rob

Der heutige Robin hat Löcher im Köcher, stiehlt nicht nur bei den Reichen sondern auch bei uns – unsere Zeit nämlich. Nur ein einziges Mal scheint der Regisseur zu bemerken, dass weniger mehr ist. Und wieder fühlt es sich falsch an. Sie nennen Robin hier Rob. Allen Ernstes!

Von Matthias Halbig / RND

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