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Kultur Filmregisseur Matthias Glasner inszeniert „Gnade“
Nachrichten Kultur Filmregisseur Matthias Glasner inszeniert „Gnade“
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19:48 16.10.2012
Von Stefan Stosch
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Hannover

Regisseur Matthias Glasner geht gern aufs Ganze. Vor sechs Jahren lieferte er mit „Der freie Wille“ ein Vergewaltigungsdrama ab, das einen zwang, sich in den Täter einzufühlen - damals gespielt von Jürgen Vogel. Der ist in „Gnade“ nun wieder dabei, und schon vom Schauplatz her sucht der 1965 geborene Regisseur in seinem sechsten Kinofilm sogleich wieder das Extrem: Wir reisen nach Hammerfest, wo es im Winter nie hell und im Sommer nie dunkel wird.

In dieser nördlichen Ecke Norwegens wandert Niels (Vogel) zusammen mit seiner Frau Maria (Birgit Minichmayr) und dem zwölfjährigen Sohn Markus aus. Niels arbeitet als Ingenieur in einer Gasverflüssigungsanlage, ein gut bezahlter Job. Maria arbeitet in einem Sterbehospiz und übt in ihrer Freizeit im Chor Sami-Gesänge. Im Verschlag des gemütlichen roten Holzhäuschens blöken die Schafe. Es soll ein neuer Anfang sein für die Familie. Niels und Maria hegen die Hoffnung, eine beinahe schon erloschene Liebe vielleicht doch noch einmal neu zu entfachen.

Dafür bietet die unwirtliche Polarnacht aber eine schwierige Umgebung, in der sich die Menschen tief in ihre Anoraks verkriechen. Niels macht denn auch so weiter wie in Deutschland, er beginnt eine Affäre mit einer Arbeitskollegin. Sohn Niels lernt einen falschen Freund kennen und hält bald schon eine Pistole in der Hand. Fährten für eine heraufziehende Tragödie werden in diesem Film reichlich gelegt, beinahe zu reichlich. Jeder gewiefte Dramaturg hätte Glasner zur Mäßigung geraten. Doch das würde seiner Absicht zuwiderlaufen.

Letztlich ist es Maria, die das sowieso schon rissige Familiengefüge endgültig auseinanderzureißen droht. Sie, die sich für einen „guten Menschen“ hält, schaut nach einer Doppelschicht für einen Moment zu lange ins Polarlicht - und überfährt etwas, sie steigt jedoch nicht aus, sondern begeht Fahrerflucht. Niels sucht Stunden später am Tatort nach, findet aber nichts. Erst später stellt sich heraus, dass Maria die Tochter der Nachbarn getötet hat.

Die nicht eingestandene Tat verändert so ziemlich alles im Familienleben - erstaunlicherweise aber nicht unbedingt nur zum Schlechteren. Der äußere Druck bringt das Paar wieder näher zusammen.

Kameramann Jakub Bejnarowicz lädt die Geschichte mit Bildern einer grandiosen Landschaft auf. Geradezu begeistert filmt er schroffe Eisfelsen, tanzende Flocken und peitschenden Schnee. Man kann schon verstehen, dass sich Menschen in dieser so majestätischen wie menschenfeindlichen Natur klein und verloren fühlen.

Glasners Film heißt aber „Gnade“ und nicht „Schuld“. Als der Polarsommer die schier endlose Nacht abgelöst hat und frisches Grün in Nordnorwegen sprießt, tun Maria und Niels Ungeheuerliches: Sie fahren zu den Nachbarn, um die Tat zu beichten. Sie wollen tatsächlich von den Eltern eines totgefahrenen Mädchens Vergebung und Gnade erbitten.

Ist Glasner also tatsächlich milder geworden im Umgang mit seinen Mitmenschen, wie es auf den ersten Blick scheint? Oder verlangt er nicht auch hier Unmenschliches? Leute ohne Schuldgefühle, hat er bei der Berlinale im Februar gesagt, wo sein Film im Wettbewerb lief, seien ihm suspekt. Da mag er recht haben, doch ist die Vorstellung nur schwer erträglich, in der Schuld einer Mutter den Kitt für eine zerbröselnde Familie zu suchen. Auch „Gnade“ ist ein extremer Film.

Vorpremiere mit dem Schauspieler Jürgen Vogel und dem Regisseur Matthias Glasner ist heute, Mittwoch, um 18.30 Uhr in den Raschplatz-Kinos. Die Vorstellung ist ausverkauft. Der reguläre Kinostart von „Gnade“ am Raschplatz ist morgen.

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