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Kultur Nymphe im Heilwasser
Nachrichten Kultur Nymphe im Heilwasser
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22:20 21.05.2015
Von Stefan Stosch
Jungbrunnen: Die Alten von „Youth“ im Luxusbad. Quelle: dpa
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Schön, mal seine eigenen Gefühle persönlich kennenzulernen. Bei der Premierenparty des neuen Pixar-Animationsfilms war das möglich: Am Strand des Carlton-Hotels stand eine Fotokabine. Wer sich hinter den Vorhang begab, konnte sich ganz nach Belieben mit „Freude“, „Angst“, „Wut“, „Ekel“ oder „Kummer“ ablichten lassen.

Die Gefühlslagen sind possierliche Figuren und die eigentlichen Stars in „Alles steht Kopf“ (Kinostart: 1. Oktober). Sie schalten und walten im Gehirn einer Elfjährigen. Das Quintett jongliert mit Erinnerungskugeln und springt auf Gedankenzüge auf. Ein wahres Gefühlschaos zettelt US-Regisseur Pete Docter („Die Monster AG“) im Kopf des Mädchens an. Sein Film beweist, dass Hollywood noch immer zu Originalität fähig ist, wenn es sich nur traut.

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Und wie fühlt sich nun der Cannes-Gänger kurz vor Toresschluss? Ein Wutsturm fegte über die Croisette. Grund ist die offenbar gängige Praxis des Festivals, Frauen nur auf High Heels Zutritt zu Galavorstellungen zu gewähren. Cannes-Chef Thierry Frémaux hat zwar dementiert, dass es diese Regelung gibt, aber immer mehr Frauen wissen anderes zu berichten. Sie wurden aufgefordert, sich doch bitteschön erst die passenden Pumps zu besorgen.

Das Leben tut auch im Alter noch weh

Damit hat sich das Festival, das doch dieses Jahr ausdrücklich das weibliche Geschlecht nach vorn bringen wollte, wieder eine Sexismusdebatte eingehandelt. Für die Herren ist bislang Smoking Pflicht, dazu Krawatte oder Fliege und schwarze Schuhe. Bei denen, die ins Kino reinkommen, überwiegt die Freude über den überreichen Wettbewerb. Besonders die Tragikomödie „Youth“ des Italieners Paolo Sorrentino löste Furore aus.

Zwei alte Männer machen Urlaub im Luxussanatorium vor Schweizer Alpenkulisse. Der Dirigent Fred (Michael Caine) will nie wieder ans Pult, auch wenn die Queen ihn bittet. Sein Regisseurskumpel Mick (Harvey Keitel) will noch einen letzten Film drehen, sein „Testament“. Es kommt dann anders. Aber das ist gar nicht so wichtig.

Wichtig ist, wie diese beiden Grantler aufs Leben (zurück)schauen. Besonders Fred glaubt, mit allem fertig zu sein, und doch tut das Leben immer noch weh – und damit ist nicht nur die Prostata gemeint. Sie trauern um verpasste Chancen und verlorene Erinnerungen, aber vielleicht gibt es ja doch noch mehr zu beobachtenals das sich anschweigende Paar am Nachbartisch. Was die beiden aber garantiert nicht können, ist, sich die Jugend zurückzuholen: Einmal steigt eine sexy Nymphe zu ihnen ins Heilwasser – und sie schauen nur und staunen.

Schwebende Mönche

Noch deutlicher als in seinem Oscar-Film „La Grande Bellezza“ verwischt Sorrentino in exquisiten Bildkompositionen die Grenze zum Fantastischen: Glocken plus die dazugehörigen Kühe werden dirigiert, Mönche schweben, Kinoheldinnen schießen auf Almwiesen um sich – und dann fliegt eine Hollywood-Diva ein, die in ihrer Karriere noch einmal durchstarten will. Und weil diese Diva von Jane Fonda gespielt wird und die 77-Jährige gerade in der Netflix-Serie „Grace & Frankie“ zu neuer Form aufläuft, ist auch diese Besetzung ein Coup.

So ist „Youth“ weniger tragisch als unglaublich komisch – was zuerst an Michael Caine liegt. Ob es ihm schwerfalle, nur mehr Rollen für alte Leute angeboten zu bekommen, wurde er in Cannes gefragt. Die Antwort des Briten: „Die einzig mögliche Alternative wäre es, tote Leute zu spielen. Da ziehe ich alte vor.“

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