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08:15 20.08.2013
Von Martina Sulner
Ziemlich gute Freunde: Sven Schelker (l.) und Patrick Bartsch. Quelle: dpa
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Hamburg

Samuel stellt seine Schuhe immer ganz ordentlich hin, und sein Bett macht er auch jeden Morgen. Das mögen Janiks Eltern so am Freund ihres Sohnes. Seit Jahren ist Samuel, dessen Mutter trinkt, ein gern gesehener Gast bei Janik. Die Geschichte des Jungen aus schwierigen Verhältnissen und des behüteten Lehrersohns hat Finn Ole Heinrich in seinem 2007 veröffentlichten DebütromanRäuberhände“ erzählt. Für das Buch wurde der heute 30-Jährige, der in Hannover Filmregie studiert hat, mehrfach ausgezeichnet, auch mit dem Nicolas-Born-Förderpreis des Landes Niedersachsen.

Regisseurin Anne Lenk hat „Räuberhände“ jetzt erstmals für das Hamburger Thalia in der Gaußstraße auf die Bühne gebracht. Dort steht fast während der gesamten 90-minütigen Inszenierung ein alter Wohnwagen, auf dem in Leuchtschrift „Stambul“ zu lesen ist. Mal ist der Wagen heimischer Rückzugsort der Jungen, mal stellt er ein Hotelzimmer in Istanbul dar, wohin die beiden nach dem Abitur geflogen sind. Aus der Sicht Janiks (Sven Schelker) erfährt man die Geschichte einer Freundschaft, die zu zerbrechen droht, und die Geschichte einer Identitätssuche: Nachdem Samuel (Patrick Bartsch) erfahren hat, dass sein Vater Türke sein soll, fahndet er nach dem Türken in sich.

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Regisseurin Lenk inszeniert „Räuberhände“ in kurzen Episoden und mit zahlreichen Rückblenden. Das wirkt – wie schon das Buch – filmisch. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die Szenen aus dem Inneren des Wohnwagens für den Theaterbesucher nur per Videoeinspielung zu sehen sind.

Lange dominiert Schelker den Abend; er führt durch die Handlung, erläutert Episoden aus der Vergangenheit. Bartsch kann dagegen erst nach und nach Profil gewinnen. Ganz tief ausgelotet sind die beiden Hauptfiguren – wie auch die von Sandra Flubacher gespielte Trinkerin Irene – ohnehin nicht. Manches ist nur kurz angerissen. Das lässt zwar Raum für Interpretationen, vieles bleibt aber – wie schon im Roman – etwas oberflächlich. Doch Schelker und Bartsch spielen so leidenschaftlich, turnen so beherzt über den Wohnwagen und zeigen die Verletzlichkeiten ihrer Figuren so anrührend, dass man über manches allzu Plakative hinwegsehen kann.

Räuberhände“ ist Abiturstoff in Hamburg. Die Inszenierung, in der die Hauptdarsteller ausgiebig in einer (etwas veraltet wirkenden) Jugendsprache herumfluchen, ist anspruchsvolles, gelungenes Jugendtheater. Ältere Zuschauer hingegen fühlen sich etwas unterfordert.

Infos und Karten unter (0 40) 32 81 44 44 oder www.thalia-theater.de.

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