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Kultur Fleet Foxes stellen ihr neues Album „Helplessness Blues“ vor
Nachrichten Kultur Fleet Foxes stellen ihr neues Album „Helplessness Blues“ vor
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10:56 28.04.2011
Von Uwe Janssen
Bärtig, fertig: Die Fleet Foxes mit ihrem Bandchef Robin Pecknold (unten Mitte).
Bärtig, fertig: Die Fleet Foxes mit ihrem Bandchef Robin Pecknold (unten Mitte). Quelle: dpa
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Wie neo darf retro sein? Wie modern Tradition? Manchmal muss Robin Pecknold sich vorkommen wie in einer Tributeband, die geliebt wird, solange sie die Songs ihrer Helden nachspielt, der aber sofort Desinteresse entgegenschlägt, wenn sie Eigenes präsentiert. Und das hat er eigentlich nicht nötig.

Pecknolds Kombo Fleet Foxes aus der US-Westküstenmetropole Seattle ist keine Tributeband im engeren Sinne, aber sie huldigt unverhohlen und mit offenem Bekenntnis zu allen Ideengebern dem Sixties-Folksound. Die hymnischen, schwebenden Satzgesänge, die mit dem retrotypischen großen Hallraum eine fast sakrale Aura verbreiten, erinnern an Crosby, Stills, Nash, Young, Simon, Garfunkel, Mamas, Papas, Beach und ein paar andere Boys. Das erste Album schlug 2008 wie ein Meteorit in die nach Trends lechzende Musikszene ein und wurde postwendend zum stilbildenden Meilenstein erklärt. Für ein Debüt wahrlich keine schlechte Reverenz.

Da die fünf jungen Herren mit ihren Rauschebärten und den Holzfällerhemden auch noch aussahen, als ob sie aus Woodstock entführt und nach 40 Jahren Einfrieren in der Grungemetropole ­Seattle wieder aufgetaut worden seien, wurde eiligst ein Folk-Revival ausgerufen. Mit den Kings of Convenience, Mumford & Sons oder Noah & The Whale (die soeben das wunderbare Album „Last Night on Earth“ veröffentlicht haben) schwammen schnell andere von der Hippiezeit inspirierte Bands auf der Welle nach oben. Die Wegbereiter des Hippie-Hypes um Robin Pecknold gingen auf Tournee und auf Tournee und auf Tournee, aber neue Musik gab es von den Fleet Foxes nicht. Obwohl die Welt auf eine weitere Wohlklangerlösung zu warten schien.

Nun ist es endlich so weit. „Helplessness Blues“ ist da. Lange haben die mittlerweile sechs Bärtigen zum Fertigen gebraucht, Songs aufgenommen, wieder verworfen, noch einmal aufgenommen – und am Ende tatsächlich wieder diese musikalische Schwerelosigkeit erreicht. So viel kreativer Stillstand wird in der Fangemeinde mit freudiger Entzückung oder auch Erleichterung aufgenommen, aber wer drei Jahre gedarbt hat, dem sei gestattet, sich am frischen Quell der schönen Töne erst einmal ausgiebig sattzuhören. Zumindest bis Lied Nummer zehn. „The Shrine / An Argument“ beginnt unverdächtig mit gezupfter Gitarre und einer mehrstimmigen, melancholischen Sommermelodie. Schlagwerk kommt dazu, dann plötzlich bricht eine freejazzende Bassklarinette wie ein Trupp aufgeregter Erpel in die kuschelige Mollstimmung, fängt ein Streitgespräch mit dem Song an, wird aber am Ende von beruhigenden Streicherakkorden überzeugt.

Das ist pathetisch wie großes Kino, das ist eine spannungsvolle Reise in acht Minuten, und das ist extrovertierter, als man es von den haarigen Herren gewohnt ist, deren Charme unter anderem ihre beiläufige, unprätentiöse Art ausmacht. Mehr noch: In diesen acht Minuten findet sich eigentlich die Entwicklung der vergangenen drei Jahre wieder. Sie spiegeln Pecknolds Konflikt, einerseits die Musik seiner Vorbilder weiterhin möglichst werktreu in die Gegenwart zu transferieren, andererseits aus dem Erfolgskorsett auszubrechen und neue Elemente einzuflechten, um nicht mit dem selbst ausgelösten Folk-Revival den Weg aller Revivals zu gehen und nach dem zweiten Album ins Nimmerwiederhören zu verschwinden.

Es ist ein durchaus sympathischer Zug, diesen Konflikt innerhalb der zwölf neuen Songs auszutragen. Wenngleich die meisten an den Meilenstein von 2008 anknüpfen und den Hörer wie kleine Zeitmaschinen in die sechziger Jahre zurückbeamen. Dass die Texte diesmal konkreter sind, wie Pecknold wissen lässt, ist hier und da zu erkennen. Aber es macht auch nichts, wenn er darüber sinniert, warum die Sterne leuchten und warum Planeten umeinander kreisen. Wenn man schon in der Zeitmaschine sitzt, möchte man nicht unbedingt mit banalen Alltäglichkeiten oder aktuellen Statements zur politischen Weltlage behelligt werden. Da darf ruhig schon mal ein bisschen in die Unendlichkeit philosophiert werden. Zumal Robin Pecknold kein Problem damit hat, auf Fragen auch mal keine Antwort zu wissen.

Da ist sie wieder, diese unspektakuläre Art, zu der die Fleet Foxes auch auf „Helpnessless Blues“ den perfekten Soundtrack liefern. Wenn so etwas herauskommt, wartet man gern ein paar Jahre.