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Kultur So gut ist Florian Fiedlers "Othello"-Inszenierung
Nachrichten Kultur So gut ist Florian Fiedlers "Othello"-Inszenierung
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00:15 26.01.2017
Von Ronald Meyer-Arlt
Othello | nach William Shakespeare von Soeren Voima | Junges Schauspiel Hannover | Premiere: 22.01.17 | Regie: Florian Fiedler | Bühne: Alice-Maria Bahra | Kostüme: Lene Schwind | Video: Bert Zander | Musik: Martin Engelbach | Szene mit: Janko Kahle, Christian Bayer, Philippe Goos, Carolin HauptOthello und seine Crew landen in Zypern. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Im Zentrum des Stückes gibt es ein Problem: Wie soll man die Hauptfigur besetzen? Wer soll Othello spielen, den schwarzen General in venezianischen Diensten? Mehr als dreihundert Jahre lang war das keine Frage: weiße Schauspieler schminkten sich Gesicht und Arme schwarz und gaben so den Feldherrn – gern auch in Kniebundhosen. Aber irgendwann ging das nicht mehr, dass sich ein weißer Schauspieler schwarz anmalt, um einen Schwarzen darzustellen. Peter Zadek hat das gespürt und die schwarze Schminke in seiner legendären Inszenierung aus dem Jahr 1976 für einen großartigen Regietrick genommen. Am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg war Ulrich Wildgruber als Othello mit schwarzer Farbe bemalt, die sehr leicht abfärbte: Mit Umarmungen und Küssen färbte er auch Desdemona (Eva Mattes) ein. Schwarz wie Schmutz – ein starkes Bild.

Das geht natürlich auch nicht mehr. Aber was geht überhaupt?

Vor zehn Jahren hat Lars-Ole Walburg (damals noch nicht Intendant am Haus) „Othello“ am Schauspiel Hannover inszeniert. Bei ihm war der Titelheld eine Frau: die wunderbare und etwas wuchtige Sabine Orléans. Die Geschichte von Unterdrückung, Verletzbarkeit und Widerstand kann man schließlich auch gut mit einer Frau im Zentrum erzählen.

Das geht natürlich auch nicht mehr. Aber was geht denn sonst?

Vielleicht: Das Problem mit der Hautfarbe zum Thema zu machen und trotzdem nicht weiter darauf zu achten. So macht das Florian Fiedler, der demnächst Intendant in Oberhausen wird, in seiner (Abschieds-) Inszenierung am Jungen Schauspiel Hannover im Ballhof. Auch bei ihm ist kein dunkelhäutiger Schauspieler in der Titelrolle zu sehen, sondern Janko Kahle, ein sympathischer Komödiant, der aber auch gefährlich sein kann. Ein Weißer, der weiß bleibt. Die Frage, ob das geht, wird angesprochen und bleibt im Spiel. Immer, wenn das Wort „schwarz“ fällt, wird zuvor eine Kunstpause gemacht, man spricht das Wort nur in Anführungszeichen. Und man spielt damit: „Black“ sagt Jago am Ende des Stückes, bevor das Licht verlöscht. Da liegen hinter ihm blutüberströmt die Leichenberge im Militärzelt.

Spielort: Militärcamp

Die Tragödie wird zwar gegeben, aber nicht nur, mehr noch ist die Inszenierung eine Art Situationsbeschreibung: Spielort ist ein Militärcamp (Bühne: Maria Alice Bahra), ein olivgrünes Mannschaftszelt beherrscht die Bühne, davor ist Platz für einen Campingtisch, ein DJ-Pult und eine Toilette, die hier nicht mal eine Latrine ist: Man (nein: Frau) hockt sich einfach an die Seite. Es gibt viel Bier, viel Party und viele dumme Sprüche. Wie das so ist im Camp.

Die Camp-Ästhetik findet auch sprachlichen Ausdruck: „Rekruten, seid Ihr alle da? Ja? Aber nicht mehr lange!“ witzelt Martin Engelbach als DeeJay DeeDay. Und auch sonst gibt es Einiges zu hören, das nicht bei Shakespeare (auch nicht in der Textfassung von Soeren Voima) steht. Die Tragödie zeichnet sich trotzdem ab. Trotzdem. Genau so wirkt das Spiel manchmal auch: wie Trotzdem-Kunst. Trotzdem-Kunst ist Mund- oder Fußmalerei. Die Bilder, die gern als Postkarten verkauft werden, sind gelungen, keine Frage; man fragt sich, wie es möglich ist, so etwas ohne Hände zu malen, aber es ist eben doch eher Artistik als Kunst.

Kurzes Strahlen

So kann man sich hier fragen, wie es möglich ist, Shakespeares Tragödie in diesem verranzten Militärcamp aufscheinen zu lassen. Aber es geht. Sie scheint auf. Sie strahlt sogar. Aber immer nur kurz. Sie strahlt allerdings nicht, wenn die Schauspieler eine Viertelstunde lang mit Taschenlampen herumfuchteln und entweder sich selbst oder ihren Gesprächspartner beleuchten. Dann wird das Junge Schauspiel zu dem, was es nicht sein sollte: Schülertheater.

Das Große, das Gewaltige, das in dieser Tragödie steckt, muss man in diesem Lager der durchgeknallten Komödianten erstmal finden. Nicht alle Schauspieler helfen dabei. Cassio (Christian Bayer) ist ein aufgeregter Homosexueller, Desdemona (Carolin Haupt) eine Aerobic-Schönheit. Beide hübsch, aber harmlos.

Nur selten kommt das aufgedrehte Tanz- und Sauf- und Kriegs- und Anmachspiel mal zur Ruhe, nur selten ist eine echte menschliche Stimme zu hören. Nur selten ist das Spiel bei den leidenden Personen und bei Shakespeare.

Schon komisch: Martin Engelbach, der musikalische Leiter, steuert vom DJ-Pult aus den einen oder anderen blöden Spruch bei – und er, der Nicht-Schauspieler, klingt echter und klarer als all die aufgedrehten Leidenschaftsprofis auf der Bühne.

Wobei: Philippe Goos als Jago. Der ist natürlich ein sehenswerter Erzbösewicht in Uniform. Der spielt die Banalität des Bösen aus und banalisiert dabei nichts. Warum muss so einer, der das Camp doch in sich trägt, überhaupt im Camp sein? Er ist ein Star – holt ihn da raus!

Natürlich gibt es hier auch Videoübertragungen ohne Ende. Einmal hält die Kamera auf Othello, der außer sich vor Wut und Eifersucht das Campingmobiliar zerlegt. Aber kein Bild ist auf der Zeltplane zu sehen. Irgendeine Kabelverbindung war wohl unterbrochen. Doch siehe da: Es geht auch ohne. Ganz gut sogar.

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