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Kultur Florian Fiedler macht seine „Nibelungen“-Collage fast zu einer Romanze
Nachrichten Kultur Florian Fiedler macht seine „Nibelungen“-Collage fast zu einer Romanze
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18:59 24.10.2011
Von Stefan Arndt
Freundschaftsband statt Nibelungenhort: Kriemhild (Rebecca Klingenberg) und Siegfried (Camill Jammal).
Freundschaftsband statt Nibelungenhort: Kriemhild (Rebecca Klingenberg) und Siegfried (Camill Jammal). Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Ein Schauspieler im blütenweißen Hemd tritt vor die Bühne und referiert im Tonfall eines Anlageberaters über den Zusammenhang von Geld und Moral. Dann erst hebt sich der dünne Gazevorhang wie eine Nebelschwade und gibt den Blick frei auf die Welt von Burgund. Eine schwarze Rampe verläuft sich im weiten Bühnenraum, von oben senkt sich schwer die Decke und keilt hinten einen schmalen Durchgang ein. Schon die ansonsten leere Bühne von Maria-Alice Bahra lässt keinen Zweifel daran, dass es hier um einen Stoff von antiker Wucht geht.

Die Nibelungen gelten als der Deutschen liebste Sage. Richard Wagner hat seinen „Ring“ daraus geschmiedet, Fritz Lang hat sich zu einem opulenten Stummfilm und Christian Friedrich Hebbel zu einem dreiteiligen Drama inspirieren lassen. Und obwohl in Hannover nun die Nibelungen „nach Hebbel“ gegeben werden, spielen auch die anderen beiden berühmten Bearbeitungen des mittelalterlichen Stoffes eine Rolle: Von Lang kommen Zwischentitel und wohl auch der gleißend kühle Umgang mit Licht und Nebel, von Wagner stammen einige Textpassagen aus der „Götterdämmerung“.

Allerdings ist der Abend im Schauspielhaus mit gut drei Stunden viel kürzer als Hebbels vollständiges Drama dauern würde: Die von Regisseur Fiedler und dem Dramaturgen Aljoscha ­Begrich erstellte Nibelungen-Collage zielt also nicht auf Erweiterung, sondern auf Reduktion. In Hannover ist die blutige Familiengeschichte daher vor allem eins: eine Liebesgeschichte. Dass Geld und Gier die eigentlichen Schmierstoffe der Handlung sind, hat man trotz des Prologs schnell vergessen.

Zumindest gewinnt der Abend immer dann an Größe, wenn Siegfried und Kriemhild auf der Bühne sind. Rebecca Klingenberg gibt der Königsschwester zunächst etwas anziehend Scheues, wohingegen Camill Jammal mit Erfolg gegen die Tradition des blonden Recken anspielt. Sein Siegfried ist bei aller Wunderkraft eher der nette Junge von nebenan. So versteht man (ganz anders als bei Wagner) immerhin einmal, worin die Anziehungskraft dieses Mannes liegen mag. Entsprechend behutsam und ernst bahnt sich die Liebe zwischen der Prinzessin und dem Fremden an. Sie ist das Gravitationszentrum, um das sich das weitere Geschehen immer schneller und greller drehen wird.

Fast komödienhaft setzt Regisseur Fiedler diesem idealen Paar eines gegenüber, das gar nicht zusammen passt: Gunter (Andreas Schlager) ist mit langer Zigarre und bunter Schärpe schon allein ein Operettenkönig; durch die Ankunft von Brunhild, der Sachiko Hara wie den meisten ihrer Rollen am Schauspiel Penetranz und Nervigkeit verleiht, wird das noch gesteigert. Die aus „Isenland“ entführte Frau ist ein einziger, schrill überzeichneter Albtraum. Dass sie übergroß per Videowand eingeführt wird, lässt diese Brunhild zusätzlich albern wirken: eine moderne Variante der früher beliebten Nibelungen-Lackbilder.

Die Liebe zwischen Siegfried und Kriemhild, die leicht den ersten Teil des Abends trägt, findet nach der Pause ein jähes Ende. Siegfried stirbt durch Hagens Speer, und seine Witwe verwandelt sich in eine unerbittliche Rächerin. Kriemhild heiratet den Hunnenkönig Etzel, um mit seiner Macht den Mörder und dessen Verbündete (immerhin ihre Brüder) zu töten. In Hannover wird auch das erzählt und gespielt, aber es wirkt oft, als sei es nicht recht ernst gemeint. Ironische Brechungen nehmen der Handlung immer wieder viel Gewicht. Die Burgunder werden in der Halle des Hunnenkönigs niedergemetzelt: Wie kann einen das entsetzen oder gar anrühren angesichts eines Etzels (Oscar Olivo), der mit einer Hunnenbabypuppe auf dem Arm Grimassen schneidet? ­Umgeben von Leichen wird dieser Herrscher am Ende das ganze Leid dem Publikum aufbürden. „Schleppt die Welt auf eurem Rücken weiter“: Hebbels (eigentlich an den hier gestrichenen Dietrich von Bern adressierten) letzten Satz richtet Olivo an die Zuschauer – und nuschelt dabei so unverständlich, dass alles Pathos wieder ins Leere läuft.

Ganz anders ist es bei einer anderen zentralen Figur des Abends: Hagen bekommt bei Henning Hartmann nicht als finsterer Strippenzieher Format, sondern als großer Sehnsüchtiger. Wie er den Platz liebkost, den Kriemhild gerade verlassen hat, gehört zu den entschieden stärksten Momenten eines seltsam unentschiedenen Theaterabends.

Wieder am 26. und 30. Oktober sowie am 5., 12., 19. und 24. November. Kartentelefon 0511-99991111.