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Kultur Florian Illies beschreibt den Sommer 1913 spannend wie einen Krimi
Nachrichten Kultur Florian Illies beschreibt den Sommer 1913 spannend wie einen Krimi
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11:57 30.10.2012
Der Reporter und Kunstfachmann Florian Illies blickt in „1913“ auf ein Jahrhundert-Jahr. Quelle: dpa
Berlin

Im letzten Sommer des europäischen Friedens ist Rainer Maria Rilke verschnupft und macht Urlaub in Heiligendamm. Sigmund Freud geht Pilze sammeln, Pablo Picasso trauert um seine Hündin Fricka und besucht seinen Kollegen Henri Matisse vor den Toren von Paris. 1913 – da eröffnet in Mailand das Modehaus Prada und der Maler Ernst Ludwig Kirchner fährt in der neuen Berliner U-Bahn an den Potsdamer Platz. Franz Kafka buhlt in quälenden (und wunderbar berührenden) Briefen um seine Geliebte Felice Bauer - vergeblich. Aus der Beziehung wird nichts.

Im Mai 1913 wird Igor Strawinskys Ballettmusik „Le Sacre du Printemps“ in Paris uraufgeführt - ein Riesenskandal. In New York und Berlin finden die Schlüsselausstellungen der Moderne statt. Als der erste Band von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ erscheint, beginnt Thomas Mann mit dem „Zauberberg“. Im Park von Schloss Schönbrunn in Wien läuft der Postkartenmaler Adolf Hitler dem Exilanten Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili über den Weg. Der Russe wird sich später Stalin nennen.

Alles scheint möglich in diesen Monaten – und alles geht rasend schnell, wie Florian Illies (42) in seinem Spaziergang durch das letzte Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs schreibt. Mit „1913“ hat Illies, der sich schon in seinem Bestseller „Generation Golf“ als Epochen-Seismograph erwiesen hat, die Chronik eines atemberaubenden Jahres aufgeschrieben.

Monat für Monat zeichnet Illies diesen „Sommer des Jahrhunderts“ nach. Sein Blick gilt vor allem der Bildenden Kunst, aber auch den Protagonisten der Literatur und der Musik. Es ist das Jahr, in dem Kasimir Malewitsch sein „Schwarzes Quadrat“ malt und damit eine Ikone des 20. Jahrhunderts schafft. Nach dem Diebstahl aus dem Louvre taucht die „Mona Lisa“ in Florenz auf. Das Gemälde wird von der italienischen Öffentlichkeit wie eine Madonnenerscheinung gefeiert – ein Vorbote der medialen Erregung, die noch heute Treibstoff der Kunstwelt ist.

Das Jahr 1913 war aufregend losgegangen: In den ersten Sekunden knallt es aus einem Revolver in New Orleans, der Schütze wird sofort festgenommen. Der zwölfjährige Louis Armstrong hat mit einer gestohlenen Waffe gespielt. Zuerst kommt der Junge in die Haftzelle, am Morgen danach in die Besserungsanstalt. Zur Beschäftigungstherapie drückt ihm der Leiter eine Trompete in die Hand.

In der Wiener Berggasse stößt zur Mittwoch-Herrenrunde eine Frau dazu. Lou Andreas-Salomé wird von den Männern argwöhnisch beäugt, doch vom Hausherrn Sigmund Freud verehrt. Die Autorin mehrerer Bücher über Geist und Erotik und Ex-Geliebte von Rilke, will sich vom Meister selber in der Psychoanalyse ausbilden lassen.

Derweil sucht in Berlin der 26-jährige Arzt Gottfried Benn den Ausweg aus einer aussichtslosen Berufslage: Tagaus, tagein muss er Leichen sezieren im einem feuchten Keller im Klinikum Westend. Benn flüchtet in die Kälte seiner Gedichte und bald auch in die Arme der 17 Jahre älteren Else Lasker-Schüler. Die hat im Grunewald Quartier bezogen. Im Café des Westens am Kurfürstendamm hatten sie sich beäugt «wie zwei Raubtiere» - der Doktor und die Dichterin werden zum schillerndsten Paar der Berliner Bohème.

In manchmal kurzen, manchmal längeren Absätzen, in kleinen Vignetten und knappen Sentenzen schildert Illies das lange Ende des 19. Jahrhunderts und die Eruption der Moderne, die mit den Verwüstungen des Krieges und den Millionen Toten ihre Unschuld verlieren wird. Benn und Kafka, Georg Trakl, Karl Kraus oder Arnold Schönberg, der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und die „Femme fatale“ Alma Mahler - Illies verwebt hunderte Anekdoten und Schlüsselerlebnisse seiner Protagonisten zu einem prächtigen Tableau, das sich wie der Tatsachenroman einer Epoche liest.

Doch es ist auch das Jahr der Enttäuschungen. Der 17-jährige Ernst Jünger muss sein Afrika-Experiment in der Fremdenlegion abbrechen, der Vater hat ihn nach Hause zurückrufen lassen. Nach tausenden Kilometern erreicht die Expedition des Malers Emil Nolde und seiner Frau Ada die Südsee und muss feststellen, dass die unberührte Natur, wie sie einst Paul Gauguin malte, nicht mehr so unberührt ist, wie er es hoffte. Billigwaren haben längst die Häfen Polynesiens erreicht. Nolde trotzt der Enttäuschung. Er malt berauschende Aquarelle - als „Spurensicherung“ einer schwindenden Welt.

Die Moderne bringt auch eine seltsame Überspanntheit mit sich: „Neurasthenie“ nennen die Seelenexperten den „Burnout“ dieser Jahre. Die Psychoanalyse oder die Lehren von Rudolf Steiner, der in einem Hinterhof der Berliner Motzstraße Sprechstunde in seiner anthroposophischen Praxis hält, versprechen Heilung in einer Ära, die bestimmt ist von der „Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit“.

Für das bevorstehende Erinnerungsjahr 2014 bietet Illies - Journalist, Kunsthistoriker und Partner im Berliner Auktionshaus Villa Grisebach - einen Schnappschuss jener Jahre vor der „Entzauberung der Welt“, wie der Soziologe Max Weber das aufkommende Technik- und Industriezeitalter angekündigt hatte.

Und was hat das Jahr gebracht? „Ziemlich harmlos“, schreibt Käthe Kollwitz im Dezember, ermüdet von ihrer Ehe. Für Illies spricht aber Arthur Schnitzler den Geheimcode für 1913 aus: „Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.“

dpa

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