Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Analoges Mädchen
Nachrichten Kultur Analoges Mädchen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:07 22.06.2013
Von Hannah Suppa
Laura Marlings „Once I Was An Eagle“ ist bei Universal erschienen.
Laura Marlings „Once I Was An Eagle“ ist bei Universal erschienen. Quelle: dpa
Anzeige
Berlin

Was weiß sie denn schon? Mit ihren 23 Lenzen. Über das Leben, die Liebe, die ganz große Oper. Nach den ersten vier Songs des „Once I Was An Eagle“ kann man sagen: Laura Marling weiß mehr, als ihr guttut.

Man muss sich das mal vorstellen: Da wächst dieses nette blonde Mädchen, geboren 1990, in Eversley irgendwo zwischen Bristol und London auf. Ihre Freundinnen kreischen für Robbie Williams und Pink, und sie sitzt da mit ihrer Gitarre – und denkt nach. Bob Dylan, Joni Mitchell und Sandy Denny mag sie lieber als das, was die anderen gerade so interessiert. Sie sei eben ein analoges Mädchen, hat sie mal gesagt.

Ihre kleinen Lieder nimmt sie also auf Kassette auf, ein paar sind ihr auch gut genug für das soziale Musiknetzwerk Myspace. Mit 18 Jahren veröffentlicht sie ihr Debütalbum „Alas I Cannot Swim“: Ein wunderbares Kleinod des Nu-Folk.
In London hängt sie zu der Zeit mit der Boheme der britischen Musikszene ab: Marling gehört einer Art Folkzirkel an – jung, kreativ, gebildet. Sie ist Gründungsmitglied von Noah & The Whale, chillt mit Mumford & Sons – und ist denn auch einige Zeit mit deren Sänger Marcus Mumford liiert. Man inspiriert sich gegenseitig. Und durch Marling und die Jungs der zwei Bands erlebt der Nu-Folk so seit einiger Zeit eine unerwartete Renaissance.

Drei Alben später – und immer noch erst zarte 23 Jahre – malt Laura Marling auf „Once I Was An Eagle“ nun das ganz große Gemälde. Die Kompaktheit der einzelnen Songs reicht ihr nicht mehr, sie braucht mehr Raum zum Erzählen.

Und so bilden die ersten vier Songs des neuen Albums ein Quartett, zart mit leisen Gitarrenakkorden übergeleitet. Erst soll der Kerl sich für sie eine Nacht freinehmen („Take The Night Off“). Das vorgetragene Verlangen ist mit sanft aufbäumender Akustikgitarre und lieblicher Perkussion instrumentiert. Dann stellt sie fest: Alleine sein ist besser. „I Was An Eagle“ fährt alles auf, was der Folk zu bieten hat: Theatralik, Gedankentiefe und eine dramatische Akustikgitarre.

„I will not be a victim of romance / I will not be a victim of circumstance“

„When we were in love / You were a dove / And I was an eagle“, singt sie und fliegt musikalisch davon. Dieses blasse Mädchen mit dem blondem Haar schrammelt ihren Folk in alter Weise und lässt die Sehnsucht mitschwingen, die schon früher bei den Folkloristen stets da war: dass das Leben irgendwie doch schöner sein könnte. Sie entwirft kleine Songkunstwerke, die bevölkert sind von ungenutzten Chancen, tiefgründigen Gedanken und Lebensentwürfen. „I will not be a victim of romance / I will not be a victim of circumstance“, singt sie weiter. Die zwei weiteren Songs des Quartetts, „Breathe“ und „You Know“, runden die Geschichte von der Häutung des netten Mädchens ab. „You asked me blind once / If I was a child once / I said I’m really not sure“, heißt es da.

Marling, Künstlerin ganz und gar, hat ihr Songquartett auch in einen Kurzfilm verwandelt. „When Brave Bird Saved“ spielt in verruchten Jazzbars und plüschigen Hotelzimmern. An Orten, vor denen man sie eigentlich bewahren möchte.
Es knarzt, es scheppert die Gitarre: Es klingt, als gäbe es kein Jetzt, kein Morgen. Als hätte nie jemand die MP3 erfunden oder Musikstreamingdienste. Als müsste man noch die Nadel auf die Rille setzen und stundenlang an dem perfekten Mixtape feilen. Marlings Stimme tönt voll und wuchtig – und hüpft hoch, wenn es die Verse verlangen.

1971 hatte Joni Mitchell mit ihrem Album „Blue“ Ähnliches geschaffen: Nähe, Purismus, Vertrautheit. Und Marling stibitzt ganz unverhohlen aus dieser Zeit. In „Master Hunter“ singt sie: „You want a woman who will call your name / It ain’t me babe.“ Dylan, klar.
Bei einem Auftritt in einer Talkshow trug Laura Marling kürzlich ein Spice-Girls-T-Shirt. Schon sehr retro, dieses Mädchen.

Laura Marlings „Once I Was An Eagle“ ist bei Universal erschienen.

Kultur David Garrett geigt im Sportpark - Cross und quer
Uwe Janssen 24.06.2013
Uwe Janssen 21.06.2013
Kultur Theaterformen in Hannover - „Wir sind zerschrottet“
21.06.2013