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Kultur „Forever and a Day“: Scorpions feiern 50 Jahre
Nachrichten Kultur „Forever and a Day“: Scorpions feiern 50 Jahre
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19:23 02.02.2015
Rockerpose? Aber immer gern! Die Scorpions Matthias Jabs, Pawel Maciwoda, Rudolf Schenker, James Kottak und Klaus Meine (v. l.). Quelle: Oliver Rath
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Hannover

Rockstars reisen wie Präsidenten. Sie werden mit dem Helikopter eingeflogen. Sie sehen aus der Luft, wie sich ihre Fans auf dem Open-air-Gelände drängen. 325 000 sollen es gewesen sein, die die Scorpions 1983 beim Festival im kalifornischen San Bernardino erlebten. Alben wie „Love- drive“ und „Blackout“ zählten damals bei vielen amerikanischen Teenagern zum Soundtrack ihres Erwachsenwerdens. Die Scorpions waren in den USA angesagt wie Van Halen - und das, obwohl sie aus Deutschland kamen. Der von Elvis und Beatmusik beseelte Gitarrist Rudolf Schenker hatte die Band 1965 im niedersächsischen Sarstedt gegründet.

Katja von Garniers Dokumentarfilm „Forever and a Day“ zum 50. Bühnenjubiläum der Scorpions beginnt an diesem 29. Mai 1983. Es ist Heavy Metal Day. Schenker trägt Oberlippenbart, und Sänger Klaus Meine noch keine Kopfbedeckung. Er hat noch ziemlich volles Haar. Fünf Kampfjets krachen zu Beginn der Show über die 325.000 hinweg. Solche angeberischen Inszenierungen gehörten seit den Siebzigerjahren zum Rock dazu. Nicht zuletzt deshalb entwickelten sich Gegenkulturen wie Punk, New Wave und Indie.

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Bon Jovi spielte im Vorprogramm

Doch die Scorpions ließen sich nicht beirren. Warum auch? Für andere Bands waren sie Vorbilder, vor allem Schenkers breitbeiniges Selbstbewusstsein und Meines subtile helle Stimme imponierten. Angeblich musste sich ihre einstige Vorgruppe Bon Jovi auf Anweisung ihres Managers jeden Auftritt der Deutschen ansehen, um sich von den Posen und der Power inspirieren zu lassen. Paul Stanley von Kiss sagt in Katja von Garniers Mikrofon: „Die waren irgendwas zwischen großartiger Rockband und Akrobaten.“

Vor allem Schenker, der wie Meine inzwischen 66 Jahre alt ist, hat nie aufgehört, diese „Rock you like a Hurricane“-Haltung zur Schau zu stellen. Für ihn scheint immer Showtime zu sein. Der ewige Halbstarke wird selbst wissen, dass er im Grenzbereich zur Rock- ’n’-Roll-Karikatur agiert. „Gelegentlich sieht man einige tragische Gestalten da draußen, die versuchen wie 20 auszusehen, aber weit über 60 sind“, sagt Scorpions-Produzent Mikael Nord Andersson. Eigentlich sei es doch schön, älter zu werden. Die Band, für die er arbeitet, meine er nicht, fügt er noch an.

Schon Anfang der Achtziger verteilte Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg (oben rechts) Urkunden an die Scorpions, damals noch mit Hermann Rarebell (l.) und Francis Buchholz (2. v. l.). Quelle: Archiv

Es ist bekannt, dass Schenker die Meditation, grünen Tee und Flying-V-Gitarren liebt. Angst hat er wohl nur vor der Gebrechlichkeit. „We are not going somewhere in an Altersheim“, erklärt er der Auslandspresse. Gerade erst hatte die Band ihre vermeintlich letzte Tournee angekündigt. Heute wirkt das wie ein PR-Gag. Denn die nächste Riesenrunde startet schon im Mai. In diesem Monat erscheint das 18. Studioalbum. Es heißt „Return to Forever“. Im Film beschwören die Scorpions ihre ungebrochene Fitness, um den Rücktritt vom Rücktritt zu rechtfertigen. Man kann das einerseits uncool finden. Andererseits: Einfach loszulassen, das gelingt nur wenigen. Abba fällt einem da ein. Und R.E.M.

Wwei Wende-Freunde: Michail Gorbatschow und Klaus Meine 1992 in Hannover. Quelle: Archiv

Rockpropheten gelten nichts im eigenen Land

Klaus Meine brennt etwas anderes auf der Seele. Während die staatstragende Orchesterversion von „We’ll Burn the Sky“ zu hören ist und die Reichstagsinschrift „Dem deutschen Volke“ gezeigt wird, sagt der Sänger: „Es ist oftmals schwierig zu sehen, dass man in so vielen Teilen der Welt von den Fans wirklich geliebt wird, und dass man diese Liebe auch wirklich spürt, und dass das im eigenen Land nie so war.“ Ist das tatsächlich so? Warum? Hier hakt die Filmemacherin leider nicht nach. Dabei sind dies doch die interessanten Fragen.

Als sei ihr Film als Wiedergutmachung gedacht, listet sie lieber das auf, was die Scorpions im Laufe ihrer Karriere erreicht haben: die Eroberungen Amerikas und Russlands, das Limousinen-Leben, den weltweiten Erfolg mit 100 Millionen verkaufter Alben, die Stones-mäßige Unkaputtbarkeit. Drei ausverkaufte Konzerte im Madison Square Garden 1984 empfanden sie als Rock- ’n’-Roll-Ritterschlag. Für Gitarrist Matthias Jabs war die Woche in New York die glücklichste Zeit bisher. Denn er hatte seine Eltern dazu eingeladen. Später dann „The Wall“ auf dem ehemaligen Todesstreifen, Rock meets Classic, Wacken, MTV unplugged: alles erledigt. Angeblich gab es in Frankreich einen Babyboom, weil es sich zu „Still Loving You“ so gut knutschen ließ.

Und schließlich „Wind of Change“, dieses Freiheitsversprechen, Nummer eins in elf Ländern - und sicher auch ein Grund, warum die Scorpions heute Abend (wie auch Mädchenchorleiterin Gudrun Schröfel) den Niedersächsischen Staatspreis erhalten.

Damals, in Sarstedt, sei er mit Schlagern aufgewachsen, erzählt Schenker. Diesem „Deutschsein“ habe der gelernte Starkstromelektriker mit seiner Band entfliehen wollen, nicht nur die Sehnsucht, sondern den festen Willen in sich tragend, eines Tages auch im Elvis-Land aufzutreten. Sie haben viel mehr erreicht. Ironie des Schicksals ist es da, dass die Rock-’n’-Roll-Präsidenten ausgerechnet mit einem Schlager ihren größten Hit landeten.

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