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Nachrichten Kultur Religionen mit Tiefenschärfe
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10:53 01.08.2015
Quelle: Valérie Wagner
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Kultur

Treffen sich ein Christ, ein Jude und ein Hindu in einer Fotoausstellung. Sie sind mit Gegenständen in den Händen abgebildet, die für sie von großer Bedeutung sind. Wer hält den Fisch? Nein, kein Witz nach Schema F. Und tatsächlich gar nicht so einfach. Valérie Wagner, die Motive aus ihrer Serie „Zwischen Himmel und Erde“ in der Marktkirche zeigt, verweigert sich oberflächlichen Blicken auf die Weltreligionen. Und bietet den Besuchern stattdessen Unberechenbares.

Dabei wirkt die Präsentation ästhetisch gelungen. Schwarz-Weiß hebt sich edel ab vom ziegelroten Mauerwerk und fügt sich doch harmonisch ein in die protestantische Bescheidenheit des Kirchenbaus. Die Hamburger Künstlerin legt großen Wert auf Korrespondenzen ihrer Arbeiten mit dem Raum. Und freut sich umso mehr über visuelle Gegensätze. „Ich liebe diesen üppigen, katholischen Altar inmitten der nüchternen Geradlinigkeit“, sagt sie. Auch das gezeigte Projekt speist sich aus solch faszinierter Neugier auf Widersprüchlichkeiten und deren Hintergründe. Wie zum Beispiel den radikal anderen Lebensentwurf von Nonnen und Mönchen mitten in einer Großstadt wie Hamburg. Valérie Wagner holte diese Menschen hinter den Religionen in die Öffentlichkeit. Nicht dokumentarisch zeigend, sondern subtil andeutend, mit viel Raum für Individualität jenseits von Glaubenssystemen. Ebenso viel Freiheit lässt sie den Betrachtern. Die sehen jeweils ein vertikales Triptychon als Porträt, bestehend aus Details von Gesicht, Händen und Füßen. Die Hände halten selbstgewählte Gegenstände von persönlichem Wert. Ein kleines Schild erzählt Motivationen.

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Wie schwer es ist, im Kontakt mit Religionsgemeinschaften deren Drang zum Repräsentativen zu umgehen, erlebte Wagner bei der Erweiterung des Projektes. Wiederum in Hamburg suchte sie nach Gläubigen aus den anderen Weltreligionen. Einen Buddhisten hatte sie bereits unter den Mönchen gefunden. Doch Juden und Muslime kennen keine Klöster und ein hinduistisches gibt es in der Hansestadt nicht. Also porträtierte sie Gemeindemitglieder. Deren Auswahl steht für den ganz persönlichen - auch politischen - Blick der Künstlerin auf ihr Thema: Männer und Frauen in gleicher Zahl. Und keine in Führungspositionen. Dass bereits diese einfachen Regeln das Ergebnis prägen, zeigt die Geschichte einer jungen Jüdin, die als Erklärung für den von ihr gewählten Leuchter das Neue Testament zitiert. Beinahe wäre ihre Teilnahme am Rabbiner gescheitert, dem dies nicht jüdisch genug erschien.

Bei der Recherche verbindender spiritueller Elemente stieß die Künstlerin schnell auf Wasser. In einer Videoarbeit zeigt sie Rituale aller fünf Weltreligionen zwischen der Quelle eines Elbzuflusses die Elbe entlang bis ins Meer. „Wo alles im großen Ganzen zusammenfließt“, resümiert sie. Sie verzichte bewusst auf das Naheliegende. Die Wasserweihe einer griechisch-orthodoxen Gemeinde interessiert sie mehr als eine protestantische Taufe. „Auch dafür bin ich angefeindet worden“, erzählt sie. Martin Schindehütte, evangelischer Auslandsbischof im Ruhestand, kann solche Forderungen nach einer genormten Glaubensdarstellung nicht nachvollziehen. „Die Begegnung mit Individuen, die ihren Glauben auf ihre jeweils eigene Weise leben“, sagt er, „verleiht einer Religion erst die nötige Tiefenschärfe.“

Der Fisch mag eines der zentralen Symbole des Christentums sein. Ob er auf Valérie Wagners Foto von einem Christen gehalten wird, erfahren Neugierige in der Marktkirche.

Info: Bis 19. August täglich von 10 bis 18 Uhr, außer während Veranstaltungen.

Von Thomas Kaestle

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