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Nachrichten Kultur Fotoausstellung zeigt norddeutsche Bahnhöfe
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18:54 10.07.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Der Bahnhof in Haste im Jahr 1986. Quelle: Eckard Schrader
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Lehrte

Isenbüttel passt nicht so recht. Jedenfalls nicht zu Kreiensen. Elze, Nordstemmen, Einbeck, Wunstorf und Hannover-Leinhausen. Denn in Isenbüttel hat Eckard Schrader keinen Bahnhof fotografiert, sondern ein Stellwerk. 1986 war das, und in dem Stellwerk wurde noch gearbeitet. Jemand schaut aus dem Fenster im ersten Stock. Wahrscheinlich sieht er, wie ein Mann mit einer Hasselblad vor dem Bauch am Gleisbett steht. Aber er bleibt ganz still an seinem Fenster und guckt.

Überhaupt ist alles recht ruhig auf den Fotos von Eckard Schrader. Der Fotograf aus Hannover fotografiert Bahnhöfe. Seit 40 Jahren schon. Jetzt ist ein Teil seiner Bahnhofsbilder in der Städtischen Galerie Lehrte zu sehen: sehr schöne, sehr traurige Schwarz-Weiß-Bilder. Alle Fotos sind noch in alter Manier entstanden, chemisch, nicht elektronisch. Schrader arbeitet mit einer Rolleiflex und einer Hasselblad, er entwickelt und vergrößert die Bilder im eigenen Labor.

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Seine Motive findet er in Norddeutschland: von Hamburg-Dammtor bis Vienenburg im Harz. Vienenburg, man glaubt es kaum, soll das älteste erhaltene Bahnhofsgebäude Deutschlands sein. Der Bahnhof entstand 1840 – und es wurde viel gewartet in dem Gebäude. Denn für Vienenburg war neben der braunschweigischen auch die Magdeburg-Halberstädter Bahnverwaltung zuständig, und so gab es immer wieder Probleme mit den Anschlusszügen. Irgendwann haben die Leute angefangen, VienenburgWartenburg“ zu nennen. Das Foto, das Schrader vom Bahnhof Vienenburg gemacht hat, wirkt, als sei die ganze Warterei in die Mauern des Gebäudes gesickert.

Überhaupt das Warten. Wer jemals im November am Bahnhof Kreiensen auf den Regionalbahnanschluss nach Holzminden gewartet hat, wird das Wort Tristesse lange Zeit fehlerfrei buchstabieren können. Selbstverständlich hat Eckard Schrader den Bahnhof von Kreiensen auch fotografiert. Und zwar so, wie er die meisten Bahnhöfe fotografiert: volle Breitseite.

Es sieht traurig aus.

Ihn interessiere der Baustil, sagt Schrader. Das mag stimmen, und es ist auch recht interessant, die Handschriften der norddeutschen Bahnhofsarchitekten wie Ferdinand Schwarz, Julius Rasch, Conrad-Wilhelm Hase und Hubert Stier in den Bildern zu entziffern. Aber im Grunde geht es auf all den Bildern um etwas anderes als um Baukultur. Es geht um Abschied, und Verschwinden, um Schmerz und Traurigkeit. Und um den Geruch von Eisen und Öl, Staub, Zigaretten und Bier.

Schrader fotografiert nicht nur aus einer einzigen Perspektive, er konzentriert sich nicht nur auf eine bestimmte Ansicht, er fotografiert nicht nur den Bahnhof, sondern auch im Bahnhof. Manchmal fotografiert er Bahnhofsansichten mit Menschen, manchmal ohne. Und manchmal fotografiert er auch einfach Stellwerke statt Bahnhöfe. Formale Strenge wie sie den Bildern von Bernd und Hilla Becher eigen ist (die aber durchaus als Schraders Vorbild dienen können) ist seine Sache nicht. Er lässt sich eher vom Motiv überraschen. Das aber steigert noch den Stimmungsreichtum seiner Bilder.

Würde man einen auch nur mittelmäßigen Lyriker mit einer Flasche Rotwein eine Nacht in die Galerie mit Schraders Bildern sperren, würde er am nächsten Morgen wahrscheinlich mit einem sehr, sehr guten und sehr, sehr traurigen Gedicht wieder herauskommen.

Eckard Schrader: „Fotografien norddeutscher Bahnhöfe 1972-2004“. Bis 9. September in der Städtischen Galerie Lehrte, Alte Schlosserei 1.

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