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Kultur Fotografie-Ausstellung ruft ins Sprengel-Museum
Nachrichten Kultur Fotografie-Ausstellung ruft ins Sprengel-Museum
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20:23 07.10.2011
„Photography Calling!“ – eine üppige Leistungsschau vom Sprengel Museum und der Niedersächsischen Sparkassenstiftung
„Photography Calling!“ – eine üppige Leistungsschau vom Sprengel Museum und der Niedersächsischen Sparkassenstiftung Quelle: Steiner
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Hannover

Das ist der Mars? Ist doch gar nicht so schlimm! Sieht fast vertraut aus. Bisschen kahl, ja, aber das gibt es bei uns ja auch. Bei uns auf der Erde. Vielleicht kann man mal den Fotografen Thomas Ruff fragen, der scheint ja da gewesen zu sein. Woher sollen sonst diese Aufnahmen kommen?

Sie kommen aus dem Internet. Von der Homepage der Nasa. Dann hat sich Fotokünstler und Bildverfremder Ruff ­(„Nudes“) ans Werk gemacht, um den Millionen Kilometer entfernten Planeten mal richtig gemütlich zu machen und den Betrachter hinter den Mond zu führen. Das ist ein stilles Spektakel. Doch wer im Sprengel Museum Hannover mit Ruff zum Mars fliegt, kann auch ganz Irdisches betrachten. Er muss sich nur umdrehen.

Denn die drei groß- und hochformatigen, kolorierten Arbeiten des Düsseldorfer Becher-Schülers teilen sich den Raum mit den kleinen Schwarz-Weiß-Arbeiten von Robert Adams. Der Amerikaner hat in seiner Serie „The New West“ auch unendliche Weiten vor Augen gehabt, die nämlich von Colorado. Wir sehen den zaghaften Versuch des Menschen, diese wuchtige, karge, ausladende Landschaft in den sechziger Jahren zu besiedeln, Fortschritt und Zivilisation in sie zu pflanzen. Und wir sehen die stoische Ruhe, mit der die Natur das zu ertragen scheint. Und schon ist Colorado näher am Mars, als man vermuten würde.

So haben sie es sich gedacht, die Macher von „Photography Calling!“, der größten diesjährigen Ausstellung im Sprengel Museum und der größten Fotoschau seit „How you look at it“ vor elf Jahren. Die Schau soll unterschiedliche Ansätze – „Positionen“, wie es im Kuratorendeutsch heißt – gegenüberstellen, in Beziehung und in Spannung bringen. Möglichkeiten dazu gibt es genug, rund 430 Bilder von 31 Künstlern sind im Sprengel Museum zu sehen. Der Titel „Photography Calling!“ ist nicht von ungefähr allgemein gehalten, schließlich ist es eine Leistungsschau.

Denn die Ausstellung ist zur Hälfte bestückt aus dem riesigen Sammlungsschatz der Niedersächsischen Sparkassenstiftung, die im Laufe der Jahre systematisch Werkgruppen stilprägender Fotokünstler angekauft hat. Bislang wurden diese Bilder vor allem nach außerhalb verliehen oder gut gekühlt gehortet. Mit dem geplanten Anbau des Sprengel Museums soll aber, wie Stiftungschefin Sabine Schormann am Freitag noch einmal betonte, die Sammlung auch dauerhaft in angemessener Form präsentiert werden. Da um die Größe und Finanzierung des Erweiterungstraktes immer noch gestritten wird, darf man „Photography Calling!“ also ruhig als Plädoyer für die größtmögliche Lösung sehen.

Ein gelungenes Plädoyer. Denn mit dem gewählten Auszug aus der Sammlung – ungefähr ein Viertel des Bestandes – lässt sich komfortabel eine Art Stand der Dinge abbilden, was die künstlerische Fotografie seit den sechziger Jahren anbetrifft. Die Kuratoren Inka Schube und Thomas Weski, ihr Vorgänger im Sprengel Museum, richten sich am Begriff des „dokumentarischen Stils“ aus, den der US-Fotograf Walker Evans vor 40 Jahren geprägt und damit die künstlerische Fotografie vom journalistischen Dokumentarismus abgegrenzt hatte (siehe Interview).

Gleich im ersten Raum stehen sich zwei Porträtserien gegenüber. Beide suchen nach einer Art gesellschaftlicher Mitte. Die Amerikanerin Diane Arbus sucht sie in einer Balance zwischen sozialen Randfiguren und seltsam fremd wirkenden, gehobenen Mittelschichtlern. Der Ukrainer Boris Mikhailov hat in strenger Formvorgabe Profilporträts von Laienschauspielern beim Festival „Theaterformen“ 2008 in Braunschweig erstellt. Nun steht man vor diesen gepflegten, gut frisierten und gekleideten Normalos, die wie für ein Münzen- oder Briefmarkenporträt Modell stehen. Und obwohl alle nach rechts blicken, ist es, als ob man in einen Spiegel guckt. Denn genauso sieht er wohl aus, der deutsche Durchschnittsmuseumsbesucher. Nicht umsonst heißt Mikhailovs Serie „German Portraits“.

Man findet in der Schau viele große, stilprägende Namen. Darunter sind US-Fotografen wie William Eggleston als Innovator künstlerischer Farbfotografie oder Lee Friedlander, der Evans’ dokumentarischen Stil erweiterte, indem er Störfaktoren wie den eigenen Schatten oder Blickhindernisse einbaute. Unter den deutschen Fotografen lassen sich sogar direkte Beziehungen knüpfen: Hilla und Bernd Becher sind genauso vertreten wie einige ihrer Schüler, neben Ruff auch Thomas Struth und Andreas Gursky. Letzterer ist mit nur einem, aber immerhin dem größten Bild dabei, eine Wand allein gehört seiner mehr als fünf Meter breiten Hochglanzarbeit „Cocoon II“, die 2008 in einem Frankfurter Klub gleichen Namens entstand. In einer futuristischen Kulisse warten Hunderte Amüsierwütiger auf die Musik wie auf ein Gewitter. Gursky montierte menschliche Fülle – und erzeugte auf wundersame Weise emotionale Leere.

Neben den Arrivierten zeigt die so unaufgeregt wie dynamisch gestaltete Schau auch neue Fotografen und ihre Sichtweisen. Wie die von Thierry Geoffroy-Colonel. Er bittet Museumsbesucher, ihm ihre Speicherkarten aus ihren Kameras zu geben, um die Bilder zu kopieren, zu zeigen und die Rechte daran abzutreten. Man kann auch sagen: Er keilt gegen Facebook aus. Facebook macht es ähnlich. Aber ­Facebook fragt nicht so freundlich.

Bis 15. Januar. Eröffnung am Sonntag, 11.15 Uhr. Für die lange Nacht der Fotografie (ab 19 Uhr) gibt es noch Restkarten an der Abendkasse. Der 460-seitige Katalog kostet 29 Euro.

Uwe Janssen

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