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Kultur Fotoschau Scope zeigt zehn Fotokünstler in Hannover
Nachrichten Kultur Fotoschau Scope zeigt zehn Fotokünstler in Hannover
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02:16 25.05.2018
Vor der Collage aus Videostills von Doug Rickard: Maik Schlüter, Sophia Greiff, Ricus Aschemann (von links) im Kubus.
Hannover

„Super“ und „fair“ prangt in ungelenken Lettern an einer Fassade. Doch super ist keines der Objekte auf diesen Bildern, und fair geht es in den darauf gezeigten Welten schon gar nicht zu. Denn Doug Rickard zeigt in seinen riesigen Fotocollage vorzugsweise zerfurchte Gesichter und aufgedunsene Leiber, große, doch schrottreife Limousinen, winzige, zerbröselnde Häuser und verwitterte Vorstadtfassaden – wie eben jene mit der Werbung für den „fairen“ Supermarkt.

Die rund zwei mal 20 Meter Fläche füllende Arbeit des US-Künstlers ist zwar nicht das einzige Kunstwerk, das von morgen an in der Galerie Kubus zu sehen sein wird, sie ist dort aber der raumgreifende Blickfang eines ganzen Ausstellungsreigens. Der startet an mehreren Orten in Hannover und bietet einen Einblick in zeitgenössische Fotografie – im Rahmen des 2016 gestarteteten Ausstellungsformats „Scope“. Damals war der Titel „More to come“, die zweite Ausgabe heißt nun „In your Face“. Neun künstlerischen Positionen werden dabei an sechs Orten gezeigt, drei Kuratoren - Sophia Greiff, Ricus Aschemann und Maik Schlüter - haben die aus Schweden, Finnland und Belgien, aus den USA und aus Deutschland stammenden Künstler ausgesucht.

Aus dem üblichen Rahmen

Der Titel „In your Face“ greift US-Slang auf, und zwar eine Wendung mit mehr als nur unterschwelliger Aggression. „In your Face“, das kann für gewalttätige Schläge stehen, für visuelle Provokationen, für Handlungen oder Zurschaustellungen, die man unmöglich ignorieren kann, weil sie einen eben förmlich anspringen. Das gelingt mit der Collage, die Doug Rickard aus Youtube-Videostills zusammengestellt hat. Das gelingt auch mit den gleichfalls im Kubus gezeigten Schnappschüssen von Henrik Malmström aus dem Hamburger Brennpunktstadtteil Sankt Georg. Und auch mit den dort präsentierten Hässlichkeiten des Prekariats, die der finnische Fotograf Heikki Kaski in einem Örtchen mit dem nach Esoterik klingenden Namen Tranquility im kalifornischen Central Valley aufgenommen und für die Ausstellung in hölzerne Rahmen gefasst hat.

Überhaupt, der konventionelle Rahmen: „Scope“ geht in mehrfacher Hinsicht übers übliche Verständnis von Fotografie hinaus. Mit Kaskis Holzrahmen, deren Formate nicht zu den Fotos darin passen, mit Rickards edlen Farbprints für die bloße „found footage“ von Youtube, die in latentem Widerspruch zum darauf gezeigten Elend stehen. Und auch mit Malmströms nur als Schwarzweißkopien präsentierten Milieustudien aus Sankt Georg.

Die neue „Scope“-Ausgabe, eine Abfolge von sozialdokumentarischen Fotostudien? Was uns anspringt, kann auch ein Bild von Schönheitsoperationen sein, wie es Hannes Wiedermann aus der südkoreanischen Hauptstadt Seoul mitgebracht hat. Das Spiel mit sexuellen Identitäten, das Matthias Hamann in der Zufallsgalerie zeigt. Oder die knallige Farbigkeit, mit der die Belgierin Sanne De Wilde Szenen auf einem Pazifikatoll festgehalten hat.

Brautkleid in der Versenkung

Zumindest vereinzelt finden sich überdies Spuren von vielleicht (neo-)romantischer, vielleicht auch nur verkitschter Weltwahrnehmung. Etwa die wie in Nebel (oder doch nur in Staub?) getauchten, von Wind schräg gezerrten Bäume, die Kaski in Tranquility aufgenommen hat – und die auf den zweiten Blick ebenso geschunden sind wie die Bretterfassaden dahinter und der Straßenbelag davor. Alles andere als Tranquility also, keine Ruhe nirgends. Aber eben nur auf den zweiten Blick.

Ein zweiter Blick lohnt sich auch noch von der kleinen Brücke im Maschpark herab – auf genau jene Installation, die das gleichfalls aus Schweden stammende Künstlerduo Nils Petter Löfstedt und Erik Vestman dort installieren will: Unter der Wasseroberfläche des Maschteichs soll dann das Bild einer Frau im Hochzeitskleid zu sehen sein – genau an jener Stelle, an der sich Frischvermählte für den Fotografen in Positur stellen.

Info: Eine Kuratorenführung startet am 27. Mai um 15 Uhr im Kubus. Ein Gespräch mit Kuratoren und Künstlern findet unter der Leitung von Stefan Gronert, Fotokurator am Sprengel-Museum, am 15. Juni um 16 Uhr im Sprengel-Museum statt.

„Scope“, Teil zwei: Zehn Künstler, sechs Orte, ein Thema

Unterirdisches in Malmö: Nils Petter Löfstedt und Erik Vestman zeigen neue künstlerische Räume im Hafen von Malmö in der Galerie C28, Calenberger Straße 28.

Migration im Video: Von Michael Damann ist in der Galerie vom Zufall und vom Glück, Theodor-Lessing-Platz 2, eine Videoarbeit mit dem Thema im Rahmen einer künstlerischen Langzeitstudie mit dem Thema Migration beschäftigt, zu sehen. Außerdem werden dort Arbeiten von Werner Amann und Matthias Hamann präsentiert.

Pazifik, ganz bunt: Die fotografische Südseeexpedition von Sanne De Wilde ist in der Scope-Galerie, Calenberger Straße 12, zu sehen.

Found Footage im Museum: Aus seinen Youtube-Fundstücken hat Doug Rickard ein Video zusammengestellt, das in der Blue Box des Sprengel-Museums zu sehen ist.

Brautkleid bleibt Brautkleid: Nils Petter Löfstedt und Erik Vestman versenken das Bild einer Frau im Hochzeitsstaat unter der Brücke im Maschteich.

Vier Künstler im Kubus: In der städtischen Galerie Kubus, Theodor-Lessing-Platz 2, sind Arbeiten von Doug Rickard, Heikki Kaski, Henrik Malmström und Hannes Wiedermann zu sehen.

Von Daniel Alexander Schacht

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