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Kultur Frankfurt widmet Botticelli eine große Bilderschau
Nachrichten Kultur Frankfurt widmet Botticelli eine große Bilderschau
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22:26 13.11.2009
Botticelli im Städel Museum Frankfurt. Quelle: ddp
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Wenn antike Statuen plötzlich zu leben und atmen anfingen, weißer Marmor sich in blassen Teint verwandelte, fein geschwungene Lippen sich mit Blut füllten und leicht gewelltes, goldblondes Haar in einer milden Sommerbrise flatterte – dann kämen Botticelli-Gestalten dabei heraus. Die Wesen aus dem Atelier des großen Florentiner Renaissancemeisters sind voll erotischer Versprechen und blicken dabei so melancholisch.

Eine der schönsten Grazien Sandro Botticellis (1444/45–1510), dessen Todestag sich im kommenden Mai zum 500. Mal jährt, hängt seit dem 19. Jahrhundert, als Botticelli wiederentdeckt wurde, im Städel Museum in Frankfurt. Das überlebensgroße „Simonetta“-Bildnis zeigt eine leise wehmütig blickende junge Dame im Fantasykostüm.

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Zum weißen, fein plissierten Kleid trägt die Nymphe eine sogenannte Wespennestfrisur mit eingeflochtenen Perlenketten. Zwei blondierte Zöpfe kreuzen sich auf ihrer Brust und vermitteln den Eindruck, dass sich mit ihnen auch das Kleid lösen würde. Um den Hals trägt die ätherische Schönheit eine antike Gemme, für die Sammler schon damals ein Vermögen zahlten.

Wären Florentinerinnen so durch die Straßen gelaufen, hätte das als ziemlich unschicklich oder gar verrückt gegolten. Doch wenn bei Festen oder Umzügen mythologische Szenen nachgestellt wurden, putzten sich die Schönheitsköniginnen der Stadtrepublik als Nymphen oder Göttinnen heraus, mit künstlichen Haarteilen und Phantasiegewändern.

Die Zuordnung zur historischen Gestalt der jung verstorbenen Simonetta Vespucci, der geliebten Turnierdame des Giuliano de’ Medici, ist zwar nicht restlos geklärt, aber die bitter-süße Geschichte ist einfach zu schön, um nicht erzählt zu werden. Und so stehen das weibliche Idealbild aus Frankfurt und das berühmte Bildnis des Giuliano – mit dominanter Kinnpartie – aus der National Gallery of Art in Washington wiedervereint im Zentrum der ersten großen Botticelli-Einzelschau im deutschsprachigen Raum. Sie hat gerade im Städel Museum in Frankfurt eröffnet.

Rund 40 der empfindlichen, zumeist auf Pappelholz gemalten Werke des Meisters der schwerelosen Schönheit und seiner Werkstatt sind ebenso viele Bilder von Zeitgenossen wie Andrea del Verrocchio, Filippino Lippi oder Antonio del Pollaiuolo vergleichend gegenübergestellt. Leihgaben kommen unter anderem aus dem Pariser Louvre und dem New Yorker Metropolitan Museum. Die Uffizien in Florenz, die weltweit die meisten Botticelli-Werke besitzen, haben das grandiose Monumentalbild „Minerva und Kentaur“ nach Frankfurt geschickt. Es steht im unmittelbaren Kontext der nicht ausleihbaren Hauptwerke „Primavera“ und „Die Geburt der Venus“.

Auch einigen der schönsten Botticelli-Madonnen begegnet man in Frankfurt. Und natürlich jenen herausfordernd, ja distanzlos blickenden Renaissance­jünglingen, die einen so herablassend mustern, als habe man seine Hausaufgaben nicht gemacht. Neben Gemälden ist in der Schau, mit der das Städel wahrscheinlich einen Besucherrekord aufstellen wird, auch eine Turnierrüstung des Quattrocento ausgestellt. Sie kommt aus der Wiener Rüstkammer. In bis zu 45 Kilogramm schweren Prunkgestellen, die ein Mailänder Premiumhersteller für europäische Adelsfamilien fertigte, galoppierten in Florenz auch der junge Großbankier Lorenzo de’ Medici, genannt „il Magnifico“ (der Prächtige), und sein Bruder Giuliano durch die Stadt.

1469 und 1475 maßen sie sich bei Turnieren, deren Protagonisten, Finanziers und – ein abgekartetes Spiel – Gewinner sie waren, mit der jungen Stadtelite. Lust am Spektakel mischte sich mit Personenkult und der Demonstration militärischer Potenz. Höfischer Minnediskurs – hier kam die verheiratete Simonetta als keusche Minnedame Giulianos ins Spiel – mischte sich mit Konzepten platonischer Liebe und den damit verbundenen süßen Qualen unstillbaren Begehrens.

Für gegnerische Clans wie die Pazzi muss das quasi-höfische Gebaren der mächtigen Bankiersfamilie ein Affront gewesen sein. 1478, bei der Verschwörung der Pazzi gegen die Medici, wurde Giuliano 24-jährig im Dom von Florenz während der Messe erdolcht, sein Bruder Lorenzo konnte leicht verletzt fliehen. Zwei Jahre zuvor war die schöne Simonetta an Schwindsucht gestorben.

Die Hauspoeten und Hausmaler des kunstsinnigen Lorenzo, der neben Künstlern auch führende Intellektuelle jener Zeit „sponserte“, beeilten sich nun, die beiden in wehmütigen Stanzen und melancholischen Bildnissen zu Hausheiligen zu verklären. Botticelli zeigte überdies die Verschwörer in sogenannten „Schandbildern“ oberhalb der Porta della Dogana des Palazzo del Capitano als ehrlose Staatsverbrecher. Bereits 1475 hatte er Mitglieder der Medici-Familie als Heilige Drei Könige verherrlicht, und in verklausulierten mythologischen Monumentalbildern stilisierte er die Medici-Ära als Goldenes Zeitalter.

Das war ziemlich dick aufgetragen und diente, wie im hervorragenden Katalog nachzulesen ist, gezielt der Propaganda. Zwar waren die Medici die mächtigste Bankiersfamilie der damaligen Zeit, halb Europa gehörte zu ihren Kreditnehmern, doch ihre Art zu herrschen war denkbar anstrengend. Sie hielten sich an der Macht, indem sie Konkurrenten systematisch benachteiligten oder verbannten – und waren dabei stets bemüht, ein positives Image aufrechtzuerhalten, nicht zuletzt über Kultursponsoring. Sie gaben vor, Patrioten, Republikaner und Befrieder des Staatswesens zu sein, herrschten in Florenz aber de facto als Tyrannen und schürten böses Blut.

In der Art, wie Cosimo oder Lorenzo de’ Medici Geschäfte und Politik verquickten, erscheint Silvio Berlusconi präfiguriert. Und die Art und Weise, in der die Bankiersfamilie des 15. und 16. Jahrhunderts ganze Gesellschaften in Haft(ung) nahm, erinnert an jüngste Ereignisse im Bereich des globalen Finanzwesens. Dass nun ausgerechnet in dem internationalen Finanzzentrum Frankfurt dem Medici-Günstling Botticelli eine große Ausstellung gewidmet ist – ein wichtiger Sponsor ist die Commerzbank-Stiftung – erscheint irgendwie sinnig.

So ätherisch und schwerelos Botticellis Kunst auch wirkt, so abhängig war der Künstler doch von den Herrschaftsverhältnissen seiner Zeit. Als die Medici vorübergehend vertrieben wurden und der Buß- und Weltuntergangsprophet Girolamo Savonarola mit seinen Unheilsbotschaften Florenz in Atem hielt, schwenkte das Botticelli-Atelier auf fromme Motive um. Dass Botticelli seine erotischen Akte aus Buße verbrannte, gehört aber wohl in den Bereich der Legende.

Städel Museum Frankfurt, Schaumainkai 63, bis 28. Februar, Öffnungszeiten: dienstags, freitags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, mittwochs und donnerstags bis 21 Uhr, Katalog 39,90 Euro. Der Eintritt beträgt 10 Euro, an Wochenenden 12 Euro. Informationen unter www.staedelmuseum.de oder Telefon (0 69) 6 05 09 80.

Von Johanna Di Blasi