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Kultur Frei.Wild und das gefährliche Spiel
Nachrichten Kultur Frei.Wild und das gefährliche Spiel
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02:15 31.12.2016
Die umstrittenen Rocker der Band Frei.Wild geben eines ihrer letzten Konzerte.
Die umstrittenen Rocker der Band Frei.Wild geben eines ihrer letzten Konzerte. Quelle: Körner
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Hannover

Selbstverständlich schaut man, wer da kommt. Wie Menschen so aussehen, die sich Frei.Wild live anschauen. Nicht, dass es möglich wäre, vom Aussehen der Fans Rückschlüsse auf die politische Einstellung zu ziehen, oder auf die Band. In der Richtung ist eigentlich nichts zu holen. Trotzdem. Irgendwo muss man ja beginnen.

Aber das einzige, was sich mit Sicherheit sagen lässt, ist, dass viele Menschen schwarz tragen. Phillip Burger, der Frontmann der Band, betritt die Bühne mit den Worten „Lasst uns den Spießern den Arsch aufreißen“.

Die Südtiroler Deutschrock-Band Band Frei.Wild spielt am Mittwochabend in der Tui-Arena in Hannover.

Im August kündigte die umstrittene Band das vorläufige Ende ihrer Auftritte an, man wolle sich anderen Projekten widmen. Das Konzert in der Hannoveraner Tui-Arena ist das letzte vor dem Tourfinale in Chemnitz. Dementsprechend gut gefüllt ist der Saal. Überhaupt konnten Frei.Wild sich seit 2013 stark vergrößern. Da spielten sie noch im Capitol. Dann kam die öffentlich ausgetragene Diskussion um ihre Nominierung für den Musikpreis Echo. Es ging darum, inwieweit die Band nationalistisches und rechtes Gedankengut verbreitet. Zwei Jahre später traten sie in der Swiss Life Hall auf. Und nun eben in der Tui-Arena. Selbstverständlich, wenn Burger Textzeilen wie „Die Konsequenzen falschen Denkens hatten wir schon mal“ singt, läuft es einem kalt den Rücken runter. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht.

„Wir müssen Heimat wieder positiv besetzen“, sagt dann auch Burger in einer seiner Ansagen, und erntet Jubel bei den Fans. Frei.Wild sehen sich als die Außenseiter, die missverstandenen. Dazu kommt, dass die Band eben nicht aus Deutschland stammt, sondern aus Südtirol, und laut Burger sich ihre Texte auch auf Südtirol bezögen. Wo man stolzer auf seine Heimat sei, und auch, im Gegensatz zu Deutschland, sein dürfe. Wobei es nicht hilft, dass Burger bis 2001 Sänger der Rechtsrock-Band Kaiserjäger war. Überhaupt ist Frei.Wild eine Band der Mehrdeutigkeiten, solcher, die, wenn man Kritikern der Band glauben möchte, bewusst in Kauf genommen werden. Es ist ein Spiel mit Bedeutungen.

„Wir gegen die“-Einstellung

Öffentlich distanzierte sich die Band von der AfD, von Pegida, von Neo-Nazis. In Ihrem Song „Für immer Anker und Flügel“ (der live nicht gespielt wird), zitieren sie mit der Zeile „Sturm, brich los“ Goebbels‘ Sportpalast-Rede. Oder, wenn man Burger glauben möchte: die Bibel.

Auch in Hannover spielt die Band mit dieser „Wir gegen die“-Einstellung, die bei den Fans gut ankommt. "All die Jahre wars nicht einfach / Diskussionen mit Vollidioten“, singt Burger. Ihr, die Fans, habt es verstanden, ihr seid die Eingeweihten. Alle anderen haben keine Ahnung. Ihr, die Fans, lehnt euch auf gegen „Gutmenschen und Moralapostel“, und dass der Band immer schon etwas leicht Verruchtes, etwas Böses anhaftet.

Bei alle dem, diesem ganzen Rattenschwanz an öffentlicher Diskussion gerät die Musik gerne mal ins Hintertreffen. Und die ist, abgesehen von den Mehrdeutigkeiten in den Texten, etwas langweilig, mindestens konservativ. Ein schwitzender Burger rennt über die Bühne, dazu punkig-männliche Brachialgitarren, Testosteronrock, der oft in in Richtung Spaßpunk abdriftet, alles sehr laut mit ein paar Balladen dazwischen.

Fast könnte man, wenn man zynisch sein wollte, sagen: Das einzige, was Frei.Wild irgendwie aus der Masse ähnlich klingender Bands der Neuen Deutschen Härte abhebt, ist die politische Positionierung, die, soviel lässt sich mit Sicherheit sagen, klar konservativ ausgerichtet ist, mit nicht genauer definiertem Spielraum in Richtung weiter rechts. Frei.Wild jedoch verweigert sich, live wie auch auf ihren Alben, eindeutigen Positionierungen, strickt – und das durchaus gekonnt – an Widersprüchen und Ambivalenzen herum. Und an der Decke der Arena hängt ein Einhornballon, dem langsam die Luft ausgeht, und vor der Bühne zündet jemand Feuerwerk.

Von Jan Fischer

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