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Kultur Freundlich-kabarettistischer "Hamlet" zum Saisonauftakt des TfN
Nachrichten Kultur Freundlich-kabarettistischer "Hamlet" zum Saisonauftakt des TfN
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15:08 20.09.2010
"Hamlet" (Moritz Nikolaus Koch) am TfN Quelle: Andreas Hartmann

Am Ende kann Horatio nur noch die Leichen einsammeln: Alle, die sich in den fünf Akten für Macht und Liebe, Ehre und Wahrheit abgestrampelt haben, liegen tot am Boden. In diesem „Hamlet“, mit dem das Theater für Niedersachsen jetzt in Hildesheim die neue Schauspiel-Saison eröffnete, ist das aber vielleicht alles gar nicht so schlimm.

Der Tod selbst ist hier nämlich bloß ein stämmiger Herr im wallenden Nachthemd (Jens Koch), der eine Art Sido-Totenkopf-Maske trägt und eine goldene Partykrone auf dem Kopf, der versonnen Seifenblasen ins Publikum pustet und die Leichen mit fürsorglicher Zärtlichkeit auf die Leichenschauhausbahren legt, die sich aus den Wänden des Bühnenbildes ziehen lassen. Auch Hamlet möchte bei seinem „Sein oder Nichtsein“-Monolog sehr gerne mit ihm knuddeln, springt ihm in leidenschaftlicher Suizidlust auf den Rücken, muss sich aber unsanft wieder abwerfen lassen. Vorerst.

Es sind diese ballettösen, zarten Spielmomente, in denen Regisseurin Karin Drechsel zu der großen Form aufläuft, die sie in ihren ansonsten weit aus der Routine herausragenden früheren Inszenierungen am Theater für Niedersachsen wie dem „Woyzeck“ und den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ so eindringlich zeigen konnte. So lässt sie auch Ophelia mit dem Tod tanzen und zuvor eine schmerzlich schöne Wahnsinnsszene durchleiden, in der Ensemble-Neuzugang Joëlle Rose Benhamou mit bestürzender Intensität aus den Kleidungsstücken ihres ermordeten Vaters einen Altar errichtet.

Ansonsten aber will dieser „Hamlet“, der vom 2. Oktober an auch im Theater am Aegi – der neuen Spielstätte der ehemaligen Landesbühne in Hannover – zu sehen sein wird, wohl vor allem jugendliches Identifikationsstück sein und lustig-fluffige Unterhaltung bieten. Moritz Nikolaus Koch gibt den Dänenprinzen als sympathischen E-Gitarren-Rocker, der die Charaden seines vorgetäuschten Irrsinns dazu nutzt, sich mit aus der Unterhose hängendem Klopapier über das Ozonloch und die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko zu ereifern. Er klettert auch durchs Publikum und kommt Protesten zuvor, indem er ausruft: „Gab‘s denn vor 400 Jahren schon E-Gitarren in Dänemark? Und Turnschuhe? Wo bleibt denn da die Werktreue?“

Das vorsorgliche Beschwichtigen ist aber gar nicht nötig, denn niemand regt sich auf. Im Gegenteil: Karin Drechsels neckische Wohlfühlaktualiserung wird frenetisch gefeiert. Wohl auch deshalb, weil Claudius (Rüdiger Hellmann) in einem sehr lustigen Einspieler die oberflächlichen Gefälligkeitsposen des Berufspolitikers parodiert und insgesamt der Tonfall eines leicht zugänglichen Kabaretts vorherrscht.

Die Komplexität von Sprache, Stoff und Gewissenserforschung wird von diesem Regietheater in der Lightversion ziemlich fahrlässig zugunsten hipper Scherze geopfert. Selbst wenn Hamlet sich vom Geist des toten Königs (Dieter Wahlbuhl), der hier eskortiert wird von John F. Kennedy, Gandhi und anderen politischen Attentatsopfern, ein phosphoreszierendes MG in die Hand drücken lässt, vermeidet der Abend jedes ernsthafte Nachbohren. Es könnte ja immerhin um die Frage gehen, wann Protestkultur gegen das Establishment selbst zum selbstgerechten Terror wird. Stattdessen herrscht unbedarfte Verwechslungskomödiendramaturgie inmitten einer Spirale der Gewalt: Wer wen umbringt und warum, wird immer unwichtiger, Türen gehen auf und zu, Leute verstecken sich unterm Tisch und im Schrank und trinken aus dem falschen Becher tödliches Gift. Kunstblut spritzt, und im Publikum wird gekichert. Er ist eben ein ganz besonders knuddeliger Typ, dieser Tod im Schlafrock – dumm nur, dass er die politische Tragödie als Erste zu Grabe getragen hat.

André Mumot

Heute um 19.30 Uhr im Stadttheater Hildesheim, am 2. und 5. Oktober im Theater am Aegi in Hannover.

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