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Kultur Friedrich der Große war Taktgeber einer Epoche
Nachrichten Kultur Friedrich der Große war Taktgeber einer Epoche
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19:00 05.01.2012
Von Stefan Arndt
Momentaufnahme eines königlichen Vergnügens: „Das Flötenkonzert Friedrich des Großen in Sanssouci“ von Adolph Menzel (1852).
Momentaufnahme eines königlichen Vergnügens: „Das Flötenkonzert Friedrich des Großen in Sanssouci“ von Adolph Menzel (1852).
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Bemerkenswert ist dabei vor allem die Reihenfolge der Widmung: „König Friedrich, Apollo und den Musen“ ist das Gebäude gewidmet – eher noch als ein Musentempel ist das Opernhaus also ein Kunstpalast für Preußenkönig Friedrich II., der vor 300 Jahren in Berlin geboren wurde und in diesen Tagen überall gefeiert wird.

Auffällig ist, dass es neben Büchern, Ausstellungen und Vorträgen auch eine regelrechte Flut von CD-Veröffentlichungen gibt. Tatsächlich hat der Alte Fritz, der Prototyp eines aufgeklärten Monarchen, auch als Musiker erhebliche Bedeutung erlangt. Nicht so sehr mit seinem Opernhaus, wo man einem spätbarocken, italienischen Stil huldigte und für die der König ein Libretto und einige Arien verfertigte. Unter Friedrich wurde vielmehr der vergleichsweise intime Musiksaal der preußischen Sommerresidenz in Potsdam ein Ort der Avantgarde. Die Musik, die man hier spielte, war zumindest anfangs eine teilweise aufregend experimentelle Musik des Übergangs: nicht mehr Barock, aber noch nicht Klassik. Nicht zufällig ist ihre wichtigste Gattung das vorher eher randständige Solokonzert: Im Geist der Aufklärung begannen auch die Komponisten, den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Und ein König, der selbst Flöte spielte und stets begierig auf neue Musik für sein Instrument war, hat das maßgeblich befördert.

Eines der bekanntesten Friedrich-Gemälde, das im 19. Jahrhundert gemalte „Flötenkonzert in Sanssouci“ von Adolph Menzel, zeigt den Herrscher als Flötensolisten. Begleitet wird er von Größen wie Carl Philipp Emanuel Bach (am Cembalo) und dem Geiger Franz Benda. Am rechten Bildrand ist – lässig gegen ein Gemälde gelehnt – gerade noch der Musiker zu erkennen, dem eine in der Geschichte wohl einmalige Rolle zugefallen ist: Johann Joachim Quantz war einfacher Flötist an der Dresdener Hofkapelle, bevor er für ein märchenhaftes Gehalt nach Berlin wechselte und endgültig der wichtigste Berater und väterliche Freund des Monarchen wurde. Nach Ende der Konzerte in Sanssouci war einhelliger Beifall des Publikum befohlen – einzig Quanz durfte den königlichen Solisten kritisieren und Ratschläge erteilen. Allerdings wird auch er recht wenig auszusetzen gehabt haben. Der englische Historiker (und hellhörige Musikliebhaber) Charles Burney notierte 1772, nachdem er den König hatte spielen hören: „Seine Aufführung übertraf in vielen Einzelheiten alles, was ich immer von Dilettanti oder Professoren gehört habe.“

Schon als Jugendlicher hatte Friedrich heimlich bei Quantz Unterricht genommen. Die Musik muss dem Prinzen wie ein Ausweg aus der rigorosen militärischen Strenge erschienen sein, mit der sein Vater, der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., ihn erziehen ließ. Der Anekdote nach soll Friedrich seinen Lehrer sogar im Kleiderschrank versteckt haben, um ihn vor seinem Vater zu verbergen. Neben der Fertigkeit auf dem Instrument lernte Friedrich bei ihm selbstverständlich auch das Komponieren, das zu seiner Zeit noch nicht als ein genialischer Vorgang galt, den nur Auserwählte ausüben konnten, sondern als schlichtes Handwerk.

Dass Friedrich auch das beherrschte, zeigt eine viel beschriebene Begegnung zwischen dem Preußenkönig und dem Vater seines Hofcembalisten: 1747 reiste der greise Thomaskantor Johann Sebastian Bach nach Potsdam, um endlich seine Schwiegertochter kennenzulernen und die ersten Enkel zu sehen. Bei seiner Ankunft in Sanssouci ließ Friedrich das Konzert, das gerade angesetzt war, abbrechen. Überliefert ist sogar der Wortlaut des Monarchen: „Meine Herren, der alte Bach ist gekommen“, soll der König gesagt haben. Daraufhin durfte der berühmte, aber bereits aus der Mode gekommene Komponist eine Probe seiner Kunst darbieten. Bach bat sich ein Thema von Friedrich aus, über das er dann Fugen improvisierte. Zu Hause in Leipzig überarbeitete Bach das königliche Thema erneut und schuf damit eine Art musikalisches Testament: Das „Musikalische Opfer“, das Bach damit dem Dienstherren seines zweitgeborenen Sohnes darbrachte, fasst am Ende der Barockzeit noch einmal die technischen und musikalischen Möglichkeiten des gelehrten (im Unterschied zum damals populären galanten) Stils zusammen.

Auf diese Weise finden sich Teile aus Bachs „Musikalischem Opfer“ auch auf vielen CDs, die das aktuelle Preußenjahr begleiten. Besonders eindrucksvoll klingt dieses Schlüsselwerk in einer Aufnahme mit Trevor Pinnock und dem Flötisten Emmanuel Pahud, der auf seiner CD „Flötenkönig“ (erschienen bei EMI Classics) auch das Vorurteil widerlegt, die Konzerte aus der Feder von Quantz seien allesamt langweilig. Und selbst in der überwiegend unauffälligen Musik Friedrichs findet Pahud große Momente. Vor allem im langsamen Satz seines C-Dur-Konzertes (eines von insgesamt vieren und rund 120 Sonaten, die der Monarch komponierte) kommt jene abgründige und persönliche Seite des Komponisten zum Ausdruck, die einer ganzen musikalischen Epoche ihren Namen gab: Empfindsamkeit.

05.01.2012
Johanna Di Blasi 05.01.2012