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Kultur Früheres Anwesen von Baselitz soll Kunstmuseum werden
Nachrichten Kultur Früheres Anwesen von Baselitz soll Kunstmuseum werden
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18:10 12.04.2009
Werke von Julian Schnabel in der Eingangshalle des Derneburger Schlosses.
Werke von Julian Schnabel in der Eingangshalle des Derneburger Schlosses. Quelle: Hartmann
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Wild wachsende Sträucher und Bäume, die früher die Blickachsen im Park oberhalb der Fischteiche überwucherten, sind verschwunden. Schloss Derneburg – so will es das amerikanische Kunstsammler-Ehepaar Holl, das das Schloss 2006 gekauft hat – soll kein abgeschotteter Kunstraum mehr sein. Ganz im Gegenteil: Hier soll eine Hochburg für Kunst von internationalem Rang entstehen.

Das Schloss solle „ein Museum mit überwiegend leeren Räumen voll mit zeitgenössischer Kunst werden“, sagt Eva Sabine Hänsel, die Geschäftsführerin der Anfang März gegründeteten Schloss Derneburg Museum GmbH Holle. Geplant seien Ausstellungen, Vorträge und ergänzende Veranstaltungen. Bekannte und unbekannte Kunstwerke, und Künstler sollen der Öffentlichkeit nähergebracht werden. Hänsel und das Ehepaar Hall haben einen prominent besetzten Beirat für ihr „Projekt Derneburg“ gewonnen. Eske Nannen, Geschäftsführerin der Kunsthalle Emden, Stiftung Eske und Henri Nannen ist darunter, Max Hollein, Direktor der Frankfurter Kunsthalle Schirn und des Städel-Museums oder Stephan Berg, der Direktor des Kunstmuseums Bonn, der früher den Kunstverein Hannover leitete.

Grundstock des neuen Museums aber wird die eindrucksvolle, außerordentlich umfangreiche Sammlung von Andrew und Christine Hall sein. Andrew J. Hall, der seit vielen Jahren sein Vermögen mit Rohstoffen verdient hat, entwickelte sich seit Anfang 2000 zu einem international bedeutenden Sammler zeitgenössischer Kunst. Mehr als 3000 Kunstwerke umfassen die Bestände der Sammlung Hall mittlerweile. Darunter ist die inzwischen weltweit umfangreichste Sammlung mit Kunstwerken von Georg Baselitz. Aber auch große Konvolute aus dem Werk von Anselm Kiefer findet man dort, neben großformatigen Bildern unter anderem eine etwa 25 Meter lange Betonskulptur in Form einer Welle mit dem Titel: „Étroits sont les Vaisseaux“ – außerdem Werke von Andy Warhol, Joseph Beuys, Jörg Immendorf, A.R. Penck, Markus Lüpertz, Eberhard Havekost, Thomas Scheibitz, Jonathan Meese und einigen anderen.

Jetzt ist klar, dass wesentliche Teile der hochkarätigen Sammlung Hall nach Derneburg kommen. Dafür kauften Halls nicht nur das Schloss samt Atelierhalle, sondern auch das Areal der Domäne Derneburg mit ihren ausgedehnten Wohngebäuden, Stallungen und Scheunen. Und weil die Halls die Schlossschenke an der Bundesstraße 6 hübsch und als zum Schlosskomplex dazugehörend empfanden, wechselten auch dort die Besitzer. Laut Gemeinde Holle umfasst das gesamte erworbene Gelände eine Grundfläche von knapp 100.000 Quadratmetern.

Neben vielen räumlichen Vorteilen, die das Schloss als künftiges Museum für Kunst bietet, erfordert das Anwesen aber umfangreiche Restaurierungs- und Sanierungsarbeiten, die nach Angaben der Museums-GmbH bisher ohne staatliche Hilfe oder Vergünstigungen aus dem Privatvermögen von Andrew J. Hall finanziert wurden. Dabei müssen die Arbeiten, die den Halls gelegentlich wie ein „Fass ohne Boden“ vorkommen, nicht nur den eigenen ästhetischen und architektonischen Ansprüchen genügen, sondern auch den hier gültigen Vorschriften von Baurecht und Denkmalpflege entsprechen.

Für die Halls, die bisher keine besondere Affinität zu Deutschland hatten und die ihren Lebensmittelpunkt auch weiterhin in den USA behalten wollen, ergäben sich deswegen viele zum Teil überraschende Herausforderungen, hieß es. Angaben über die Höhe des Investitionsvolumens wurden nicht gemacht.

Nachdem Derneburg als Ort für die Kunst der Halls gefunden war, stellte sich Andrew J. Hall, Jahrgang 1950, der Kunst zu sammeln als Gegengewicht zu seinem Beruf sieht, die Frage, wie diese umfangreiche Sammlung wirken kann, ob sie über private Konzepte hinaus auch öffentlich gezeigt werden sollte. Nicht zuletzt spielten laut Derneburg Museum Gesellschaft auch steuerliche Fragen eine Rolle.
Wann in Derneburg die ersten Teile der Sammlung Hall einziehen und gezeigt werden können, sei noch nicht genau absehbar, hieß es jetzt. Man denke über Öffnungstermine an zwei bis drei Tagen pro Woche nach, jeweils mit Anmeldepflicht für Führungen. Individuelle Besichtigungen scheiden aus. Das ließen bauliche Gegebenheiten und Fragen der Sicherheit im Schloss Derneburg nicht zu, hieß es.

Zugleich wolle sich die Museum Gesellschaft ausreichend Zeit lassen. Stress wie 2007 soll es nicht noch einmal geben. Direkt nach dem Schlosskauf hatten die Halls großformatige Bilder des bedeutenden New Yorker Neoexpressionisten Julian Schnabel in Derneburg ausgestellt. Schnabel reiste damals selbst zur Eröffnung an, dazu kamen zahlreiche Künstler, Kuratoren und Sammler und Mitglieder von Freundeskreisen großer Museen wie Guggenheim, Whitney, Tate oder der Royal Academy. Zeichen gesetzt habe diese Vernissage, hieß es jetzt. Zeichen für ein großes Museum im kleinen Kunstort Derneburg.

von Hartmut Reichardt