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Kultur Fünf Sterne für "Hotel Many Welcome"
Nachrichten Kultur Fünf Sterne für "Hotel Many Welcome"
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15:21 04.05.2010
Räume wie mobile Schuhkartons: „Hotel Many Welcome" erzählt von Abgeschiedenheit und Begegnung. Quelle: Helbig
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„Hundert Türen auf dem Gang, und keiner weiß was von dem Menschen, der nebenan wohnt“, heißt es in Vicki Baums Großstadtroman „Menschen im Hotel“. Im kleinen Begleitheft zu Felix Landerers aktuellem Tanztheaterstück in der Commedia Futura in der hannoverschen Eisfabrik steht nichts davon, dass ihm Baums Geschichte als Vorlage gedient hat. Doch wer die eindringlichen Szenen in „Hotel Many Welcome“ verfolgt, fühlt sich an das Buch erinnert: Auch bei Landerer geht es um den Einzelnen in einer anonymen Gesellschaft. Und wie bei Baum durchbricht hier und da das Skurrile den melancholischen Grundton.

Menschen kommen und gehen, ebenso wie Stimmungen. Selbst dem Concièrge (Gabriel Wong) mangelt es an Beständigkeit. Eben noch servil lächelnd, reagiert er im nächsten Moment auf seine Gäste mit Brechreiz. Dann wiederum breitet er die Arme einladend auseinander, um gleich darauf mit einer wegscheuchenden Handbewegung alles wieder ins Negative zu verkehren. Der Zuschauer bekommt von den Gästen nur einen flüchtigen Eindruck. Gerade so, als säße er im Foyer und beobachte das Geschehen an der Rezeption.

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Da ist die schimpfende Koreanerin (Hwan-Hee Hwang), die ob der Tatsache, dass niemand ihre Sprache versteht, immer aggressiver wird. Da ist die Putzfrau (Marijana Savovska), die erst unter der Last eines Teppichs stöhnt, ihn dann aber zur erotischen Spielwiese ausrollt. Den größten Eindruck hinterlässt Milou Nuyens als Nostalgikerin, die einfach nicht Abschied nehmen kann. Ihr Seerosenkleid gleicht der Tapete an der Zimmerwand, an der sich die Tänzerin geradezu festzusaugen scheint. Sie ist gekommen, um zu bleiben.

Felix Landerer, der auch selbst tanzt, dabei jedoch eine eher zurückhaltende Rolle einnimmt, findet schöne, poetische Bilder für Motive wie Ankommen, Fremdsein, Abschied, Abgeschiedenheit, Begegnung. Dabei hilft ihm das detailliert durchdachte Bühnenbild von Melanie Huke: Drei mobile Kästen, die wie überdimensionale Schuhkartons anmuten, symbolisieren gleichermaßen Wände, Fenster, Räume und Türen. Die Tänzer können hineingehen und verschwinden, um dann plötzlich wieder hervorzutreten. Auch die Musik von Christof Littmann ist hervorragend auf das Stück (Dramaturgie: Peter Piontek) abgestimmt: Durch die weitgehend ruhigen Soundmixturen zieht sich wie ein roter Faden der Klang der Handglocke vom Rezeptionstresen.

Felix Landerer hat nach seinem Sieg beim diesjährigen „Internationalen Choreographenwettbewerb“ abermals bewiesen, dass er als Choreograf zu einer eigenen Sprache gefunden hat und abendfüllendes Tanztheater auf hohem Niveau bieten kann.

Eineinviertelstunden dauert das Stück. Doch man möchte gern länger verweilen in diesem „Hotel Many Wel­come“. Das Premierenpublikum hat ihm – dem Beifall nach – fünf Sterne verliehen.

Das „Hotel Many Welcome“ in der hannoverschen Eisfabrik öffnet wieder am 7., 13., 14. und 15. Mai. Reservierung unter Telefon (05 11) 81 63 53.

Kerstin Hergt

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