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Kultur Für Moritz Netenjakob ist Humor harte Arbeit
Nachrichten Kultur Für Moritz Netenjakob ist Humor harte Arbeit
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07:29 28.02.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Moritz Netenjakob, Autor, Humorist und Grimme-Preisträger. Quelle: Handout
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Hannover

Herr Netenjakob, Ihr erster Roman hieß „Macho Man“, demnächst erscheint „Der Boss“. Die Titel klingen ganz schön stark. Wer soll sich da angesprochen fühlen?
Alle, die die Ironie dahinter verstehen.

Sie meinen die Diskrepanz zwischen dem Titel und dem Bild des schmächtigen Jünglings in Boxershorts?
Genau. Diese Text-Bild-Schere gefällt mir sehr. Übrigens ist mein erster Roman aufgrund des rosafarbenen Covers im Kaufhof unter „Freche Frauen“ gelandet – da war ich begeistert. Das neue Cover ist türkis – jetzt bin ich gespannt, ob man es bei „Kecke Kerle“ einsortiert oder bei „Witzige Warmduscher“.

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In Ihrem neuen Roman geht es um eine erhebliche Familienvergrößerung: Daniel, die Hauptfigur, will seine türkische Freundin heiraten – aber mit ihr heiratet er auch eine riesige Familie. Da Sie selbst mit einer Türkin verheiratet sind, muss die Frage erlaubt sein: Ist das ein autobiografischer Roman?
Sagen wir mal so: Es ist ein Roman, der autobiografisch geprägt ist. Der wahre Kern der Geschichte ist, dass ich tatsächlich als deutsches Einzelkind, das von Altachtundsechziger-Eltern erzogen wurde, durch eine Heirat in eine türkische Großfamilie gekommen bin – mit all den Konsequenzen, die das alles lustigerweise hat.

War das immer nur lustig?
Natürlich nicht immer. Aber als Hülyas Eltern meinem intellektuellen Vater Tennissocken zum Geburtstag schenkten, das fand ich in dem Moment schon saukomisch. Für die interkulturellen Probleme, die es natürlich auch gab, gilt der Satz von Woody Allen: Humor ist Tragödie plus Zeit.

Hat Ihre Frau an einigen Stellen ihr Veto eingelegt?
Glücklicherweise ist meine Frau ausgebildete Dramaturgin, und, was familiäre Dinge angeht, eher schmerzunempfindlich. Sie hat mir beim Schreiben sehr geholfen. Ein Veto hat sie nur eingelegt, wenn sie einen dramaturgischen Mangel entdeckt hat. Da musste ich dann noch mal ran.

Die beiden Helden des Romans, Aylin und Daniel, sind auch in „Macho Man“ ein Paar. Ist „Der Boss“ die Fortsetzung?
Die Handlung setzt ungefähr drei Monate nach dem Schluss des ersten Buches ein. Insofern kann man den Roman durchaus als Fortsetzung des ersten Romans sehen. Man muss aber „Macho Man“ nicht gelesen haben, um das neue Buch zu verstehen. Ich habe das extra so geschrieben, dass „Der Boss“ auch für sich steht.

„Macho Man“ war sehr erfolgreich. Gibt es Filmpläne?
Ja. Im April soll Drehbeginn sein. Zusammen mit Roger Schmelzer habe ich das Drehbuch geschrieben.

Stimmt es, dass Ihre Karriere damit begann, dass Tante Ilse Ihnen zehn Mark gegeben hat, damit Sie bei einer Geburtstagsfeier Otto Waalkes imitieren?
Auf jeden Fall war es das erste Mal, dass ich für Comedy Geld bekommen habe. Meine künstlerische Karriere habe ich schon mit drei begonnen: Ich habe Blaubeersaft auf ein Blatt Papier verschüttet, und mein Vater sah darin eine Anspielung auf Monet.

Sie arbeiten auch fürs Fernsehen, besonders für Comedyformate. Ist Bücherschreiben dagegen langweilig?
Nein, gar nicht. Je mehr Bücher ich schreibe, umso mehr entferne ich mich vom Fernsehen. Ich kann es auch nicht mehr so gut ertragen, wenn sich Leute in meine Arbeit einmischen. Beim Fernsehen kommen andauernd irgendwelche Buchhalter an, die irgendwann mal ein Schreibseminar besucht haben und dann irrtümlich annehmen, kreative Kompetenz zu besitzen. Die Freiheit beim Romanschreiben ist ungleich größer, und ich kann auch viel mehr bei meinem eigenen Humor bleiben.

Da müssen Sie Ihr eigener Kritiker sein.
Bin ich auch. Beim Schreiben regiert mein innerer Chef. Und der ist manchmal ein Arschloch.

Muss man sich quälen, um komisch zu sein?
Nicht immer. Aber es ist schon harte Arbeit. Man kann nicht einfach dasitzen und darauf warten, dass einem die Inspiration zufliegt. Es kommt auf die richtige Mischung an. Einerseits muss man das fließen lassen, andererseits aber auch harte Überlegungen anstellen, wie man den einen oder anderen Gag noch besser konstruieren kann.

Am 4. März präsentierten Sie in Berlin unter dem Titel „Zu gut fürs Fernsehen“ abgelehnte Fernsehtexte. Wurden von Ihnen auch schon mal Texte abgelehnt?
Ja, natürlich. Sonst wäre ich ja nicht auf die Idee für diese Lesung gekommen. Der Plan für eine derartige Show entstand in der Zeit, in der ich für die „Wochenshow“ auf SAT.1 Gags geschrieben habe. Für mich war das eine frustrierende Zeit. Zuvor hatte ich für „Switch“ auf PRO7 geschrieben, wo ich eine sehr große kreative Freiheit genießen konnte. Bei der „Wochenshow“ waren die Freiheiten wesentlich geringer. Am Ende hatte ich den Eindruck: Wenn ich lachen muss, wird der Text auf jeden Fall abgelehnt. Da bin ich dann mit einigen Kollegen zusammen auf die Idee gekommen, die abgelehnten Nummern auf der Bühne vorzulesen.

Schreiben Sie Ihre deutsch-türkische Liebesgeschichte noch weiter?
Die Figuren sind mir mittlerweile ans Herz gewachsen, und ich könnte mir vorstellen, dass es am Ende eine Trilogie wird. Aber in diesem Jahr fange ich nicht mehr an. Dazu ist das Romanschreiben zu intensiv und kräftezehrend.

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