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Kultur „Für immer Shrek“: Und ewig grüßt der Oger
Nachrichten Kultur „Für immer Shrek“: Und ewig grüßt der Oger
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01:48 02.07.2010
Von Stefan Stosch
Wer solche Ohren hat, ist gegen Einflüsterungen nicht gefeit: Shrek lässt sich vom Rumpelstilzchen überlisten. Quelle: Paramount
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Ausgerechnet Rumpelstilzchen! Was hat sich das Dreamworks-Studio wohl dabei gedacht, auf diesen Knilch zurückzugreifen? Im vierten „Shrek“-Film treibt der kurz „Rumpel“ genannte Bösewicht sein Unwesen. Einen sinnbildlicheren Fiesling als dieses Geschöpf aus den grimmschen Märchen hätte man kaum finden können: Im Original ist Rumpelstilzchen einer, der aus Stroh Gold spinnen kann, für seine Hilfe aber einen hohen Preis von der armen Müllerstochter verlangt.

Ganz ähnlich wie Rumpelstilzchen verfährt Hollywood: Es recycelt immer wieder eine abgedroschene Idee und hofft, sich eine goldene Nase daran zu verdienen. Schließlich haben die ersten drei „Shrek“-Filme weltweit mehr als zwei Milliarden Dollar eingespielt. Da muss doch noch mehr zu holen sein.

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Gewiss, Hollywood hat immer schon auf Bewährtes zurückgegriffen. Dieselben Träume werden so lange zusammengerührt, bis das Publikum endlich erwacht. Bei „Shrek“ deutet sich an, dass der Sättigungsgrad erreicht sein könnte: An der US-Kasse blieb der Film deutlich hinter den Erwartungen zurück – auch wenn er sich immer noch besser schlug als manch andere sommerliche Blockbuster-Enttäuschung.

Es könnte sein, dass Hollywood nun seinerseits den Preis für den grassierenden Fortsetzungswahn zahlt. Die Ziffern häufen sich in den Filmtiteln: „Sex and the City 2“ ist genau wie „Iron Man 2“ bereits im Kino. Demnächst laufen an: „Twilight 3“, „Toy Story 3“, im Herbst folgt der letzte „Harry Potter“-Band – aufgesplittet in zwei Filme, auf dass sich die Einnahmen verdoppeln mögen. Für „Fluch der Karibik 4“ haben die Dreharbeiten soeben begonnen, auch „Bourne 4“ steckt bereits in der Pipeline.

Die Folgen der Konzentration auf Endlosreihen: Die großen Filmfestivals in Berlin und Cannes klagen darüber, dass ihnen kaum mehr zeigenswerte US-Filme angeboten werden. Hollywood steckt in einer Kreativitätskrise. Originalstoffe, Aha-Erlebnisse, Überraschungen: weitgehend Fehlanzeige.

Die Ursache für Hollywoods Spiel auf Nummer sicher ist in der Wirtschaftskrise zu suchen. Die Angst geht um. Die Studios scheuen das Risiko wie Shrek die Badewanne. Sie setzen auf eingeführte Megaproduktionen, aber verzichten auf kleinere Filme, die sich dem Publikum nicht sofort erschließen. Dabei wissen die Produzenten, dass ihre Branche anders funktioniert als etwa die Autoindustrie: Die Weiterentwicklung immer desselben Filmmodells bringt keine Qualitätsverbesserung. Schon einmal hatte sich die Weltkinometropole in den Neunzigern in Fortsetzungen verloren. So weit sollte es nie wieder kommen, schworen die Studioverantwortlichen. Gehalten haben sie sich nicht daran.

Als ein stinkender grüner Fettwanst namens Shrek vor neun Jahren aus seinem Schlammloch kroch und das erste Mal rülpste, war das eine Sensation. Bis dahin bevölkerten Schönlinge aus dem Hause Disney die Kinotrickfilme, nun eroberte ein Antiheld die Leinwand. Mit Märchen und Mythen vom gestiefelten Kater bis zu Robin Hood räumte Shrek auf. Die grimmschen Figuren wurden kräftig durchgeschüttelt – bis der Oger selbst zum Klassiker wurde.

Shrek wurde ins System Hollywood eingespeist. Am kommenden Mittwoch läuft der vierte Film aus der Reihe an, aus dem Überraschungsmoment ist Routine geworden. Shrek hat bei seinen bisherigen Auftritten eine Prinzessin geheiratet, das Königreich „Weit Weit Weg“ vor dem Untergang bewahrt und eine Oger-Familie gegründet. Was bleibt einem Arrivierten wie ihm noch zu tun?

Regisseur Mike Mitchell bedient sich mithilfe seiner Drehbuchautoren Josh Klausner und Daren Lemke eines simplen Tricks: Sie schicken Shrek zurück in seine wilde Vergangenheit, als er noch keine Touristenattraktion war und die Menschen bei seinem Anblick noch vor Angst bibberten. Rumpelstilzchen bietet ihm einen Handel an: Shrek darf einen Tag in die Vergangenheit eintauchen. Anderswo bezeichnet man so ein jugendfixiertes Verhalten als deutliches Symptom einer Midlife Crisis.

Tatsächlich will sich Rumpelstilzchen das Königreich unter den Nagel reißen. Bald muss der Oger gegen eine Schwadron Hexen, einen hageren Rattenfänger und eine fette Kampfgans antreten. Seine alten Kumpel können ihm nicht helfen: Sie erkennen ihn nicht – auch Fiona nicht, die in dem Paralleluniversum als Widerstandskämpferin unterwegs ist.

Immerhin bietet diese Geschichte mehr Handlung als der dritte Teil, der einer Nummernrevue gleichkam. Hier wird ein passables Abenteuer draus. Die besten Szenen gehören bezeichnenderweise nicht Shrek, sondern seinen Sidekicks: Wer kann einem schmachtenden Kater widerstehen (und sei er noch so fett)? Und was sieht komischer aus als ein Esel mit gebleckten Zähnen und angelegten Ohren, der nach Süßem giert?

So oder so ähnlich kannten wir das alles aber schon. Als zusätzliche Attraktion bietet Dreamworks 3-D auf. Doch auch dieser Reiz verflüchtigt sich bald. Der Gewöhnungseffekt dürfte all jene nervös machen, die im dreidimensionalen Kino dessen Zukunft sehen. Und brauchen wir wirklich eine moralische Botschaft aus dem Munde eines Ogers, wonach wir uns an dem erfreuen sollten, was wir haben – und sei es eine Rasselbande von plärrenden Oger-Kindern?

Die Brüder Grimm verzichteten bei ihrem Märchen auf eine Fortsetzung. Logischerweise: Als die Müllerstochter Rumpelstilzchens Namen herausbekommt und so ihr Kind rettet, reißt dieser sich wutschnaubend selbst entzwei. Das Ende war unwiderruflich. Hoffentlich gilt das jetzt auch für Shrek.

„Für immer Shrek“ läuft am Mittwoch, 30. Juni, in den Kinos an.

Kristian Teetz 25.06.2010
Stefan Arndt 25.06.2010
Stefan Arndt 25.06.2010