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Kultur Lektionen eines Rappers
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22:41 03.08.2014
Foto: Bitte recht freundlich: Der Rapper Bass Sultan Hengzt.
Bitte recht freundlich: Der Rapper Bass Sultan Hengzt. Quelle: Stähle
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Hannover

Mein Sohn ist 14 und eigentlich ein kluger und lieber Kerl. Er benutzt aber manchmal Ausdrücke wie „Fick dich!“, und das Gymnasium nervt ihn. Statt an den Lehrern orientiert er sich lieber an medialen Bösewichten. Und wenn er Hausaufgaben machen muss, dreht er in seinem Zimmer gern die Boxen auf. Dann höre ich, was sonst unter seinen Kopfhörern bleibt. Zeilen wie: „Du alte Schwuchtel, wir machen Dich kalt“ oder „Dein Gesicht ist das beste Verhütungsmittel“. Mein Sohn steht auf deutschen Gangsta-Rap. Ich wiederhole manchmal die Textzeilen mit grimmiger Miene. Aber wenn ich mit ihm darüber reden will, grient er nur und wiegelt ab.

Neulich bekam ich eine Mail von der PR-Abteilung eines Gangsta-Rappers. Bass Sultan Hengzt (B.S.H.) habe eine neue CD produziert und stehe für Interviews zur Verfügung. Ich habe meinem Sohn davon erzählt, und er war sofort im Bilde. „Ja, der ist cool.“ Vier CDs, die dieser mir bisher unbekannte Wutbürger zwischen 2003 und 2009 aufgenommen hat, stehen auf dem Index. Das heißt, sie wurden von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien erst ab 18 Jahre freigegeben und dürfen in keinem Laden stehen. Eine davon heißt „Rap braucht kein Abitur“. Ich beschloss, ein Interview mit diesem dunklen Helden meines Sohnes anzustreben. Und siehe da: Mein Sohn wollte unbedingt dabei sein.

So musste ich mich also plötzlich mit dem deutschen Rap beschäftigen und lernen, was es heißt, jemanden „zu dissen“ oder „zu batteln“. Bei YouTube stieß ich auch auf das Hassvideos von Bushido gegen Kay One (fast 19 Millionen Aufrufe!) und dessen Gegenwehr (fast vier Millionen Aufrufe). Endlich konnte ich mit meinem Sohn fachsimpeln. Bushido sei „cool“, meinte er, und Kay one als „Opfer“ eigentlich nur peinlich. Aber die CD von Bass Sultan Hengzt fand mein Sohn auch „cool“, vielleicht, weil sie „Endlich erwachsen“ heißt, so wie er sich auch bereits fühlt. Das Album landete nach seiner Veröffentlichung nicht auf dem Index, sondern auf Platz drei der Verkaufscharts. Und das, obwohl das F-Wort sogar im Titelsong vorkommt.

Ich habe mir die zwölf Titel natürlich genau angehört und war im Zweifel. Ein Rapper erklärt hier in seiner direkten Art den Ausstieg aus der „Prollscheiße“, plädiert für das kleine Glück, für Frau, Kind und sogar das Zahlen von Steuern. War das Ironie? Oder ein PR-Trick, also Attitüde und Inszenierung? War das ernst zu nehmen?

Immerhin hatte jener B.S.H. in dem Titel „Fick den Index“ 2010 noch gewettert: „Ihr Schweine, ihr wollt mich verbieten, ich scheiß drauf, ihr wollt Krieg, ihr könnt Krieg kriegen, ihr Hunde, ihr Krüppel … Ich ändere mich niemals, keiner kann mich aufhalten.“ Warum hatte dieser Bass Sultan Hengzt nun Kreide gefressen?

Viele Songs auf der neuen CD handeln von einem Loser, der keinen Plan hat, der sich in Drogen und Partys flüchtet und deshalb mit sich ins Gericht geht. „Ich leb in den Tag, hab‘ nichts gelernt und hab keinen Cent auf Cash“ heißt es in dem Lied „Jennifer“. Damit konnte B.S.H. doch unmöglich sich selbst gemeint haben. Immerhin hatte er es mit 31 Jahren schon zu einem stattlichen Wikipedia-Eintrag geschafft, dachte ich. Und in seiner Szene wurden die vier verbotenen CDs doch sicher auch als Erfolg verbucht, der sich am Ende vielleicht sogar ökonomisch auszahlte?

Auf meinem Zettel standen also immer mehr Fragen, die ich bei unserem verabredeten Termin auch stellen konnte. Die erste Überraschung war der Ort, an dem ich Bass Sultan Hengzt treffen sollte. Der Manager stellte uns das Studio von Westbam in Berlin-Tiergarten zur Verfügung. Von dem großen Inspirator der Berliner Techno-Ära in den neunziger Jahren hatte mein Sohn freilich noch nie etwas gehört. Hier und nicht in einem Keller im Wedding oder in Tempelhof hatte auch B.S.H. seine Platte aufgenommen.

Der kleine, stämmige Mann stellt sich ohne Sonnenbrille mit seinem bürgerlichen Namen Fabian vor. Er zeigt auf ein kleines Mädchen mit Zöpfen, das er mitgebracht hat: „Das ist die einzige Frau, die mich wirklich im Griff hat.“ Dann setzt der 31-Jährige für das Interview die dunkle Brille auf und nimmt auf einem Klavierhocker Platz. Er schlägt ein paar Tasten an und verrät: Nein, Klavier könne er so gut wie gar nicht spielen, aber er habe fest vor, Klavierunterricht zu nehmen. Beim Komponieren der Songs benötigt er Hilfe. Er selbst könne nicht einmal Noten. Sein Traum sei es, die Songs der neuen Platte alle mit einem großen Orchester, mit echten Streichern und Bläsern, aufzuführen. Jetzt schaue ich zu meinem Sohn, dem ich seit Jahren vergeblich für die Trompete zu begeistern versuche. Der Unterricht ist bisher eigentlich rausgeschmissenes Geld, weil er kaum übt – und wenn, dann nur unter demonstrativem Unwillen.

Das Gespräch mit B.S.H. könnte zu einem Wendepunkt im Leben meines Sohnes werden. Denn in der folgenden Stunde erfährt er aus berufenem Munde, dass hier einer längst nicht mehr stolz darauf ist, kein Abitur in der Tasche zu haben. „Heute sehe ich am liebsten Geschichtsdokus im TV“, sagt der reichlich tätowierte Star. „Ich ärgere mich, dass ich in der Schule nicht aufgepasst habe. Ich sag mir dann immer, Mensch, das hast du doch irgendwie schon mal gehört.“

Das ist nicht die einzige Lektion, die B.S.H. dem 14-Jährigen erteilt. In seiner Freizeit höre der Rapper überhaupt keinen Rap. Und eigentlich würde er viel lieber singen. „Mein absoluter Lieblingssänger ist Stevie Wonder!“, bekennt er. Auch ich zähle Stevie Wonder zu meinen Favoriten. Sein „Sir Duke“ habe ich mir selber mühsam beigebracht und werde dafür von meinem Sohn immer belächelt.

Ich nutze die Gelegenheit und frage B.S.H.: „Soll ich es als Vater hinnehmen, wenn mein Sohn mal wieder zornig vom Abendbrottisch aufsteht und ,Fick dich!’ sagt?“ „Nein, natürlich nicht“, sagt er, „das darf nicht sein!“ Er selbst habe sich das seinen Eltern gegenüber nie getraut. Zu seiner türkischen Mutter und seinem italienischen Vater, die bis heute eine glückliche Ehe im Westen Berlins führen, habe er immer ein gutes Verhältnis gehabt.

Auch ich lerne viel an diesem Nachmittag. In den Loser-Songs spricht B.S.H. eins zu eins von sich selbst. Es handelt sich also nicht um Rollenprosa, wie ich angenommen hatte. Er selbst habe sich in den letzten Jahren oft elend, brotlos und unglücklich gefühlt. Als ersten Impuls für sein Nachdenken und seine persönliche Wende schildert er einen Vorfall 2008, als ein Mädchen mit einem Messer auf ihn einstach. Er merkte plötzlich, dass einige Fans die Gewaltfantasien der Rapper beim Wort nehmen. Dabei sei es doch nur eine Art Sport, sich gegenseitig möglichst krass zu beleidigen. Er sei sehr froh, dass er heute mit keinem Rapperkollegen ernsthaft im Zwist stünde. Doch den Ausschlag für sein Einlenken in Richtung kleinbürgerlichen Mainstream habe ihm seine Tochter gegeben. Er hoffe, dass sie ihn später nie mit seinen alten Liedern konfrontiere, das wäre ihm mehr als peinlich, beteuert er. „An meinem Album ,Endlich erwachsen‘ habe ich vier Jahre lang gearbeitet. So alt ist auch meine Tochter.“

Von Karim Saab

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