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18:52 19.04.2014
Von Martina Sulner
Bewusst Schluss machen – mithilfe von Gift: Wie es ist, Menschen beim Sterben zu helfen, davon erzählt der britische Autor Gavin Extence (u.) in seinem ersten Roman.
Bewusst Schluss machen – mithilfe von Gift: Wie es ist, Menschen beim Sterben zu helfen, davon erzählt der britische Autor Gavin Extence (u.) in seinem ersten Roman. Quelle: dpa/Extence
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Das fällt auch den britischen Grenzbeamten auf, und sie holen den 15-Jährigen aus dem Wagen, finden bei der Durchsuchung des Wagens 113 Gramm Marihuana und telefonieren Alex’ Mutter herbei. Zu dem Zeitpunkt, schon nach wenigen Seiten, hat man den Protagonisten aus Gavin Extences Roman „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder Warum das Universum keinen Plan hat“ bereits ins Herz geschlossen. Er ist ein liebenswert-durchgeknallter Typ – und je mehr man über ihn liest, desto sympathischer findet man diesen Besserwisser. Mit seinem Debüt ist dem britischen Autor Gavin Extence gleich ein großer Erfolg gelungen.

Sein Alex-Woods-Roman hat die Leser in Großbritannien begeistert. Die Rechte des Buches wurden in zahlreiche Länder verkauft; gerade entsteht das Drehbuch für die Verfilmung. Auch in Deutschland, wo das Buch jetzt mit einer Startauflage von beachtlichen 50 000 Exemplaren erschienen ist, hat es viele Fans: In zahlreichen Buchhandlungen bewerben Mitarbeiter den Roman als „Liebling des Monats“; und in die „Spiegel“-Bestsellerliste ist der Roman auch eingestiegen. Verwunderlich ist das einerseits nicht. Der junge Autor, der Filmwissenschaft studiert hat, erzählt eine herzergreifende Geschichte über Alex. Der ist etwas Besonderes: Als Zehnjähriger ist ihm ein Meteoritenstück auf den Kopf gefallen. Schwer verletzt hat Alex das überlebt, leidet seitdem unter epileptischen Anfällen – und ein bisschen auch unter seiner überfürsorglichen, alleinerziehenden Mutter, die eine Vorliebe für alles Esoterische hat.

Mit grimmigem Humor und ausgeprägtem Sprachwitz

Extence erzählt eine Entwicklungsgeschichte, die richtig an Fahrt aufnimmt, als Alex Mr. Peterson kennenlernt. Der ist ein knurriger Amerikaner, der die Bücher von Kurt Vonnegut liebt und – als Vietnamveteran – Krieg hasst. Anderseits jedoch ist dieser Roman ernst, todernst sozusagen. Mr. Peterson ist an Krebs erkrankt, und Alex begleitet den Mann irgendwann in die Schweiz, wo Peterson sein Leben in den Räumen einer Sterbehilfeorganisation beendet. Ausführlich schildert Extence die Streitgespräche zwischen dem Teenager und dem alten Mann über Sterbehilfe und die erste und letzte gemeinsame Reise in die Schweiz.

Mit grimmigem Humor, ausgeprägtem Sprachwitz und einer großen Portion Lebensweisheit beschreibt der 32-jährige Autor die Auseinandersetzungen zwischen Alex und Mr. Peterson. Ein ernstes Thema, verpackt in einem humorvollen Roman.Bücher, die sich auf mitfühlende, aber auch unterhaltsame Weise diesem schwierigen Sujet nähern, nehmen den Themen „durch die Fiktionalisierung etwas von ihrer Schwere und bieten einen leichteren Zugang“, sagt Wiebke Rossa, Lektorin im Limes Verlag, der den „Alex Woods“-Roman herausgibt.

Einen leichten Zugang verschafft auch Jojo Moyes’ Bestseller „Ein ganzes halbes Jahr“, der vor einem Jahr bei Rowohlt Polaris erschienen ist und seitdem in den Paperback-Bestsellerlisten vorne steht. Moyes erzählt von der Annäherung zweier unterschiedlicher Menschen: Die ehemalige Kellnerin Louise jobbt als Pflegerin des früheren Anwalts Will, der nach einem Unfall vom Hals an gelähmt ist. Die beiden – sie: hart, aber herzlich; er: snobistisch, aber irgendwann doch sehr nett – verlieben sich ineinander.

Vom Glück des Lebens

Will hat sich allerdings schon bei einer Sterbehilfeorganisation angemeldet. Er möchte nicht als Behinderter, der ständig auf Hilfe angewiesen ist, weiterleben. Jojo Moyes’ Buch ist ein warmherziger, kaum kitschiger Liebesroman, der den Fragen, ob, wann und für wen Sterbehilfe die richtige Entscheidung sein kann, nicht ausweicht. Und der auch beschreibt, was diese Hilfe für die Angehörigen des Sterbewilligen bedeutet.

Darüber schreibt auch Emmanuèle Bernheim in ihrem autobiografischen (literarisch anspruchsvollen) Buch „Alles ist gutgegangen“, das vor Kurzem bei Hanser Berlin erschienen ist. Die Französin schildert, wie ihr Vater nach einem Schlaganfall beschließt, zu sterben. Seine Tochter Emmanuèle solle ihm dabei helfen. Die drei Bücher haben aber noch etwas gemeinsam: Sie erzählen – auf je eigene Art – vor allem auch vom Glück des Lebens.

Gavin Extence: „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder Warum das Universum keinen Plan hat“. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. 480 Seiten, 19,99 Euro.

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