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19:21 13.07.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Sondermüll: Wenn Energiesparlampen zerbrechen, wird’s gefährlich – denn sie können Quecksilber freisetzen. Quelle: dpa
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Hannover

Die Glühlampe ist eine relativ einfache Sache: Ein Sockel, ein Wolframdraht im Vakuum, zwei Kabel, Strom durch, fertig. Ihr Licht ist schön. Schön weich, schön warm, schön schnell da. Aber es wird nicht mehr lange leuchten. Denn die Glühlampe produziert nicht nur Licht, sondern auch Wärme. Zu viel Wärme. Und das ist ein Problem. Glühlampen sind Stromfresser, deshalb sollen sie verschwinden. In der Europäischen Union ist es verboten, Glühlampen mit geringer Energieeffizienz herzustellen oder zu vertreiben. Die 100-, 75- und 60-Watt-Glühlampen sind bereits vom Markt verschwunden, von September an wird auch der Rest verboten sein.

Unser Licht, so will es die Brüsseler „Ökodesign-Richtlinie 2005/32/EG“, soll in Zukunft weitgehend aus Energiesparlampen kommen. Doch sind Energiesparlampen wirklich ein Segen für die Umwelt? Der österreichische Dokumentarfilmer Christoph Mayr bestreitet das vehement. In seinem Film „Bulb Fiction“, der vom 19. bis 25. Juli im Kommunalen Kino in Hannover gezeigt wird, sammelt er viele Argumente gegen den Betrieb von Energiesparlampen.

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Sein eindrücklichstes Argument ist vier Jahre alt und hat keine Haare mehr. Max ist ein Opfer der Energiesparlampe. In seinem Kinderzimmer ist eine solche Lampe zerbrochen. Quecksilberdampf aus der heißen Lampe ist in die Raumluft entwichen, der kleine Max hat die Luft eingeatmet. Jetzt hat er keine Haare mehr und leidet unter Zitterschüben. Was das Quecksilber sonst noch in seinem Körper angerichtet hat, weiß man nicht. Die Ärzte tun sich schwer mit Prognosen. Aber sie wissen, dass sich das Gift im Körper anreichert.

Das Schicksal von Max und seiner Familie berührt die Zuschauer. Aber Filmemacher Christoph Mayr zeigt noch mehr. Er berichtet - leider oft in einem etwas pastoralen Tonfall - von erkrankten Arbeitern in einem britischen Recyclingzentrum für Energiesparlampen, und er erinnert an die japanische Stadt Minamata, in der es in den fünfziger Jahren zu einer Quecksilbervergiftung weiter Teile der Bevölkerung gekommen ist.

Er zeigt ein kompliziertes Aufräumset, das man benutzen soll, wenn im eigenen Haushalt eine Energiesparlampe zu Bruch gehen sollte (Lüften, Schutzmaske aufsetzen, alle Scherben in den Sondermüll, auf keinen Fall den Staubsauger benutzen!), und er präsentiert erschreckende Berechnungen. Statistiker des Vito-Instituts etwa gehen davon aus, dass 80 Prozent der Energiesparlampen nicht fachgerecht entsorgt werden. Wäre Europa flächendeckend mit derartigen Lampen beleuchtet, würden jedes Jahr 146 Tonnen Quecksilber unkontrolliert in der Umwelt verschwinden. Auch jenseits des Quecksilberproblems gibt es einiges an der Energiesparlampe auszusetzen. Anders als die Glühlampe gibt die Energiesparlampe nicht alle Farben des Lichtspektrums wieder. Mit ihrem Licht will man nicht so schnell warm werden.

Dass die Glühlampe qua Verordnung gegen die Energiesparlampe ausgetauscht wird, hält Mayr für einen Skandal. Und er hat viele gute Gründe, das einen Skandal zu nennen. Sein Film ist eine Kampfansage an die Industrie - da passt auch das Plakat, ein Glühfaden, der zur Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger umgeformt wurde.

„Bulb Fiction“ ist nicht die einzige aktuelle Kritik an der Brüsseler Beleuchtungsverordnung. Gerade ist im Hirzel Verlag das Buch „Lügendes Licht“ der Fernsehjournalisten Thomas Worm und Claudia Karstedt erschienen - auch das ist ein faktenreiches und leidenschaftliches Plädoyer gegen die Zwangseinführung der Energiesparlampe.

Technische Möglichkeiten der Beleuchtung jenseits von Glüh- und Energiesparlampe werden in „Bulb Fiction“ nicht weiter erörtert - wohl aber im Buch von Worm und Karstedt, das sich - so der Untertitel - den „dunklen Seiten der Energiesparlampe“ widmet. Auch in der LED-Technik sehen die Autoren vorerst keine Lösung: Ihr Licht sei unnatürlich, ihr Preis deutlich zu hoch.

Das Glühlampenverbot, darin sind sich Filmemacher und Buchautoren einig, ist undurchdacht, wissenschaftlich nicht abgesichert, und es hat etwas Diktatorisches. Der Kunde darf nicht frei entscheiden, womit er sein Heim beleuchtet, sondern wird gezwungen, sich einer unausgereiften, zum Teil gefährlichen Technik zu bedienen. Das ist ein Skandal.

Andererseits stellt sich die Frage, ob die Rückkehr zur Glühlampe wirklich so wünschenswert ist. Schließlich beschreibt Filmemacher Mayr auch, wie sich die Glühlampenproduzenten in den zwanziger Jahren zum sogenannten Phoebus-Kartell zusammengeschlossen haben. Dieses sorgte angeblich dafür, dass die Lebensdauer von Glühlampen auf etwa 1000 Betriebsstunden beschränkt blieb. Bis heute hat sich an der Lebensdauer von Glühlampen nichts verändert.

Mayr erwähnt auch den Erfinder Dieter Binninger. Er soll eine Glühlampe mit einer Brenndauer von 150000 Stunden entwickelt haben. Mit dem DDR-Leuchmittelherstellers Narva wollte er die sogenannte „Ewigkeitsglühbirne“ produzieren. Kurz bevor er der damaligen Treuhand ein Angebot für die Übernahme des Betriebs machen konnte, kam er beim Absturz seines Privatflugzeuges ums Leben.

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