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Kultur Das Schicksal mit beiden Händen gemeistert
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09:51 23.07.2013
Von Rainer Wagner
Vor Musikbegeisterung sprühender Gesprächspartner: Leon Fleisher 2010 als Gast in Hannover.
Vor Musikbegeisterung sprühender Gesprächspartner: Leon Fleisher 2010 als Gast in Hannover. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Der Pianist Josef Bulva überlebte erst einen schweren Bergunfall mit über 50 Knochenbrüchen und stürzte Jahre später auf Eis und zerschnitt sich die linke Hand. Er war als Börsenmakler und Investmentbanker erfolgreich, bis er nach etlichen Operationen nach 13 Jahren in die Konzertsäle zurückkehrte. Murray Perahia musste wegen einer Entzündung seines Daumens immer wieder jahrelang aussetzen und kam doch immer wieder zurück.

Als der Pianist Leon Fleisher Mitte der sechziger Jahre an einer fokalen Dystonie erkrankte (auch Musikerkrampf oder Beschäftigungsneurose genannt) und die rechte Hand nicht mehr gebrauchen konnte, ging er zunächst einen Umweg, den einst der Pianist Paul Wittgenstein vorgegeben hatte. Der österreichische Musiker (ein Bruder des Philosophen) hatte als Folge einer Kriegsverletzung den rechten Arm verloren und gab eine Fülle von Werken für die linke Hand in Auftrag (bei Ravel, Hindemith, Korngold, Prokofjew oder Britten).

Zum Zeitpunkt seiner Erkrankung hatte der am 23. Juli 1928 in San Francisco geborene Leon Fleisher schon einige Schallplatten eingespielt, die seinen Rang festhielten. Fleisher war ein Frühbegabter und wurde mit zehn Jahren der jüngste Schüler Artur Schnabels (der Kinder eigentlich nicht unterrichtete). Mit 24 Jahren gewann er in Brüssel den hoch renommierten Concours Reine Elisabeth, Mitte der fünfziger Jahre begann die folgenreiche Zusammenarbeit mit dem Dirigenten George Szell.

Wenn ich mich recht entsinne, hatte mich vor gut 40 Jahre der Name Szell gereizt, der mit seinem Cleveland Orchestra für klar konturiertes, energisches und doch gefühlsstarkes Musizieren stand. Der Name Leon Fleisher sagte mir wenig, doch nach dem ersten Hören seiner Einspielung des 1. Brahms-Klavierkonzerts hatte ich meinen Maßstab gefunden. Andere mögen das Stück pathetischer oder virtuoser spielen, diese Mischung aus Emphase und Energie überzeugt auch beim Wiederhören noch immer.

Dazu bietet jetzt pünktlich zum Geburtstag eine Box mit 23 CDs Gelegenheit, in der die LPs von damals auch grafisch zitiert werden. Nur die Ansage „The Complete Album Edition“ stimmt nicht ganz: 2004 hatte er – allerdings bei einer anderen Plattenfirma – wieder zweihändige Musik eingespielt ( „Two Hands“ bei Vanguard Classic).

Da hatte er sich nach einer erfolgreichen Behandlung (unter anderem mit Botox-Injektionen) sein Repertoire zumindest teilweise zurückerobert. 1999 hörte ich ihn live mit der Dresdener Staatskapelle – und traf einen gelassenen, in sich ruhenden und doch vor Musikbegeisterung sprühenden Gesprächspartner. Fleisher spielte Mozart, und was an Fingerfertigkeit zum Hundertprozentigen fehlte (es war nicht viel!), machte er durch Stimmigkeit wieder wett.

Mozart ist auch das aktuellste Album in der Sony-Box: Leon Fleisher leitete hier 2008 vom Klavier aus das Stuttgarter Kammerorchester und hatte seine Frau Katherina Jacobson Fleisher als Partnerin in Mozarts „Lodron“-Konzert (in Mozarts Bearbeitung für zwei Klaviere).

Die Humanität seines Musizierens lässt sich hier wunderbar nachhören. Doch einsteigen sollten Leon-Fleisher-Neuentdecker am besten mit Brahms, mit den glasklaren Beethoven-Konzerten und mit dem kraftvoll und rhapsodisch zugleich intonierten Grieg-Konzert, bei dem Dirigent George Szell viel mehr als nur ein Zuchtmeister ist. Das Schumann-Konzert klingt jugendbewegt. Dass ihm Brahms mehr liegt als Liszt (h-Moll-Sonate) überrascht wenig, aber wie Fleisher Rachmaninows Papagini-Variationen oder César Francks Sinfonische Variationen stemmt, das ist schon staunenswert.

Vor dreieinhalb Jahren leitete Leon Fleisher in Hannover eine Meisterklasse und zeigte sich trotz seines aufregenden Karriereverlaufs erneut als undramatischer, gelassener, selbstironischer Gesprächspartner. An geistiger Beweglichkeit und jugendlicher Begeisterungsfähigkeit kann er uns Jüngeren etwas vormachen: Happy Birthday, Mr Fleisher!

Leon Fleisher: The Complete Album Collection, 23 CDs, Sony Classical.

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