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Kultur Gelungener Abschluss der Poetry-Slam-Meisterschaft in Hannover
Nachrichten Kultur Gelungener Abschluss der Poetry-Slam-Meisterschaft in Hannover
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08:12 24.05.2011
Der Bremer Sven Kamin gewinnt die erste niedersächsisch-bremische Slam-Poetry-Meisterschaft im ausverkauften Opernhaus Hannover. Quelle: Nico Herzog
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Sven Kamin steht allein auf der Bühne im seit Wochen ausverkauften Opernhaus, das Mikrofon in der Hand. Seine Mitstreiter sitzen hinter ihm auf einem Sofa. In diesem Moment ist er nur einer der zehn Finalteilnehmer der niedersäsisch-bremischen Slam-Poetry-Meisterschaft, aber am Ende des großen Finales im hannoverschen Opernhaus wird Sven Kamin wieder dort stehen und als Sieger seine Zugabe geben.

Überzeugt hat der Bremer vor allem mit seinem Gedicht über ein Gedicht. Wortgewaltig beschreibt er die Zerstückelung und Überinterpretation eines Poems. Vier Strophen, Reimschema „ababababab“ – dann ist ja alles klar. Doch gegenüber Literaturwissenschaftlern und Deutschlehrern ist das Gedicht nicht wehrlos. Es kommt zurück („Es ist Nacht, und die Gedichte sind frei“) und rächt sich an seinen Peinigern. Mordgedanken kommen auf: „Wieviele Glieder? Es sind genau vier.“ Erst das Tageslicht bringt das zum „Buchstabenzombie“ mutierte Gedicht wieder zur Ruhe.

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50 Punkte vergibt die Publikumsjury für diesen Beitrag – die Höchstpunktzahl. Die Wertungskarten von 0 bis 10 Punkten haben die beiden Moderatoren Henning Chadde und Jan Egge Sedelies zu Beginn des Finales verteilt. So werden aus normalen Zuschauern Jurymitglieder. Das Format entspricht damit weitestgehend den seit 1997 stattfindenden deutschsprachigen Meisterschaften. In Deutschland gibt es zurzeit rund 130 regelmäßig stattfindende Slams. Bei den niedersächsisch-bremischen Meisterschaften präsentierten 23 Dichter ihre Werke. Im Laufe des Wochenendes sahen 2500 Zuschauer Live-Poesie auf drei Bühnen.

Nicht nur Sven Kamin überzeugt das Publikum in der Oper. Auch bei allen anderen Wettbewerbsteilnehmern vergibt die Jury immer hohe Punktzahlen. Zu recht. Auf der Bühne stehen die zehn besten Poetry-Slam-Teilnehmer aus Niedersachsen und Bremen. Es gibt Lustiges und Ernstes. Texte übers Arbeiten, übers Nichtarbeiten, über Liebe, Freunde und Fernsehserien. Auch in ihrer Vortragsweise sind die Poeten vielseitig. Manch einer springt herum, als hätte er vorher einige Energiedrinks zu viel getrunken, ein Anderer trägt ruhig und gewissenhaft mühevoll ausgetüftelte Zeilen vor.

Dass beim Publikum auch ernste Beiträge gut ankommen, beweist die Platzierung von Marian Heuser. Der Osnabrücker wird mit seinem Text „Hunger“ Dritter. Er zeigt einfühlsam den Hunger aus der Sicht eines Fettleibigen, einer Magersüchtigen und eines Hungerleidenden in Afrika. Tobias Kunze aus Hannover erreicht den zweiten Platz. Er kritisiert in sieben Minuten Vortragszeit die Schnelllebigkeit der Gesellschaft und fordert Walgesänge als Klingelton: „Da meditiert die ganze U-Bahn.“ Das ist zwar fast schon Kabarett, hat aber einen höheren sprachlichen Anspruch.

Dass die beiden Führenden Sven Kamin und Tobias Kunze am Ende noch einmal ins Stechen gehen, ändert nichts mehr an der Gesamtwertung. Trotzdem ist es für das Publikum eine willkommene Gelegenheit, beide Künstler noch einmal mit ihren Gedichten zu erleben. Kunze holt nach der kurzen Gesellschaftskritik zum Einstieg nun zum Rundumschlag aus. Es geht um Politik, Sex und alles andere. Die These: „Geld ist die Ursache der Finanzkrise.“ Dem kann wohl niemand widersprechen.

Kamin dagegen nutzt die Gelegenheit für eine tiefer gehende Ansprache. Er beklagt die soziale Kälte in der Gesellschaft. Zwar kritisierten auch andere Slam-Teilnehmer Armut und mangelnde Verantwortung, Kamin hinterlässt jedoch den nachhaltigsten Eindruck. Am Ende entscheidet die Lautstärke des Applauses. Kamin liegt eindeutig vorne. Er wird für Niedersachsen und Bremen an den deutschsprachigen Meisterschaften im Oktober in Hamburg teilnehmen.

Malte Brede

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