Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Gemälde im Sprengel Museum als Fälschung entlarvt
Nachrichten Kultur Gemälde im Sprengel Museum als Fälschung entlarvt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:39 16.09.2011
Von Ronald Meyer-Arlt
Kein Ort für bunte Katzen: Das Sprengel Museum in Hannover. Quelle: Martin Steiner
Anzeige
Hannover

Mit Katzen hat das Sprengel Museum in Hannover so seine Schwierigkeiten. Im Juli musste Franz Marcs berühmtes Bild von der Katze hinter einem Baum abgehängt werden, weil es den rechtmäßigen Erben zurückgegeben wurde. Und jetzt verlässt noch eine andere Katze das Haus. Das Bild „Katze in Berglandschaft“ des expressionistischen Malers Heinrich Campendonk (1889–1957) ist als Fälschung entlarvt worden. Eine chemische Farbanalyse hat dies ergeben. Die Fälschung lagert jetzt im Museumsdepot. „Ein bedauerlicher Verlust“, sagte Museums­direktor Ulrich Krempel am Freitag.

Erst im Januar dieses Jahres war das Bild im Rahmen eines Festaktes im Museum der Öffentlichkeit präsentiert worden. Erworben hatte es die Fritz-Behrens-Stiftung, die sich seit vielen Jahren für die Kultur in und um Hannover engagiert. Die Stiftung stellte das Bild dem Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung. Matthias Fontaine, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, lobte damals besonders das „kaufmännische Geschick“ des Museumsdirektors, der den Kauf abgewickelt hatte. Ulrich Krempel habe das Werk um mehr als die Hälfte heruntergehandelt. Etwa eine Million Euro hat die Stiftung für das Werk bezahlt. Die Provenienz, hieß es beim Festakt, sei lupenrein.

Anzeige

Dass sie das vielleicht doch nicht ist, deutete sich vor gut zwei Monaten an. Ende Juni wies das Landeskriminalamt Berlin das Museum auf Zweifel an der Echtheit des Bildes hin. Eine chemische Farbanalyse brachte jetzt Gewissheit: Das Weiß, das für das Bild verwendet wurde, wird erst seit den dreißiger Jahren hergestellt. Das Bild soll aber aus dem Jahr 1914 stammen. Der Fall ist klar: Stiftung und Museum haben sich täuschen lassen. Das vermeintliche Schnäppchen ist gar keines.

Erworben wurde das Bild von der Galerie Thomas, einer der führenden Galerien für Werke des deutschen Expressionismus und der klassischen Moderne. Galerist Raimund Thomas sagte am Freitag gegenüber dieser Zeitung, dass er das Bild zurücknehmen und den Kaufpreis erstatten wolle: „Als einigermaßen renommierter Galerist werde ich für den Schaden einstehen.“

Als der Galerist im Sommer vergangenen Jahres das Bild an die Fritz-Behrens-Stiftung verkauft hat, waren bereits gefälschte Campendonk-Bilder auf dem Markt. „Daraufhin haben wir das Bild noch einmal genau betrachtet“, sagt Thomas, „aber die Merkmale, die es bei den anderen Fälschungen gab, waren hier nicht vorhanden.“ So war man sich sicher, dass es sich bei diesem Bild nicht um eine Fälschung handelte. Thomas hat das Bild in den neunziger Jahren bei der Hutton-Gallery gekauft, einer Galerie in den USA, die auf deutschen Expressionismus spezialisiert ist. Wahrscheinlich wird Thomas das Bild seinerseits nicht weiter zurückgeben können.

Bei dem Fälscher des Bildes handelt es sich möglicherweise um Wolfgang Beltracchi. Er steht seit Anfang September zusammen mit drei weiteren Angeklagten in Köln vor Gericht. Der Gruppe wird „gewerbsmäßiger Bandenbetrug in 14 Fällen“ vorgeworfen. Jahrzehntelang soll die Gruppe gefälschte Gemälde berühmter Maler aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Kunstmarkt geschleust haben.

Zu den Legenden, die die Gruppe erfand, gehört auch die Geschichte von Werner Jägers, dem Großvater von Beltracchis Frau Helene. Der soll die Bilder bei dem Galeristen Alfred Flechtheim in Düsseldorf gekauft haben. Papieraufkleber auf der Rückseite der Fälschungen verweisen auf die „Sammlung Flechtheim“. Beim campendonkschen Katzenbild fehlen sie – es könnte sich daher um ein Werk aus der Frühphase der Fälscherbande handeln, als sie diese Legende noch nicht gestrickt hatte.

16 Millionen Euro soll die Gruppe durch ihre Fälschungen als Gewinn erzielt haben und sich dafür unter anderem eine Millionenvilla in Freiburg und ein Landhaus in Südfrankreich geleistet haben.

16.09.2011
16.09.2011