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Kultur „Ich transformiere den Rausch“
Nachrichten Kultur „Ich transformiere den Rausch“
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19:16 20.05.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Wohlan, wirf die Wange in die Wogen: Wer Wagner wahrnehmen will, wird tauchen. Quelle: Haas
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Ringlandschaft mit Bierstrom“ heißt das Projekt, das Sie für die Kunstfestspiele planen. Auch Medien, die sonst wenig über die Festspiele berichten, sind bei der Programmvorstellung darauf aufmerksam geworden. Der Grund: Bei dem 16-stündigen Projekt gibt es für jeden Besucher jede Stunde eine Flasche Freibier. Machen Sie solche Aktionen für die Medien?

Nein, überhaupt nicht. Und es gibt nicht nur Bier fürs Publikum, sondern auch Spinat. Bier ist ja so ein deutsches Symbol wie auch der Wagner: Es ist golden, es strömt durch das Land wie der Rhein, und es hat diese berauschende Wirkung, die Wagner auch hat. Indem ich den Besuchern das Bier gebe, transformiere ich den Rausch aus dem Wagner raus ins Publikum hinein. Durch das Bier stelle ich so eine dämmrige, dumpfe Stimmung her. Dazu gibt’s den Spinat, und beides ruft dann die „grünliche Dämmerung“ hervor, das sind die ersten Worte der ersten Szenenanweisung im „Ring“.

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Eine andere Verbindung zu Wagner ist die Dauer des Projekts. Ihre „Ringlandschaft“ soll 16 Stunden dauern.

Es sind fast 16 Stunden. Es dauert so lang wie der echte „Ring“ von Wagner.

Aber den hört man nicht am Stück.

Das ist richtig, aber natürlich gehören die Teile zusammen. Und das ist ja so faszinierend an diesem Monsterwerk, dass Motive, die Wagner im „Rheingold“ entwickelt hat, in der „Götterdämmerung“ immer noch funktionieren.

16 Stunden, das ist eine Herausforderung, auch für eingeschworene Wagner-Fans. Was machen Sie, wenn nach zehn Stunden kein Zuschauer mehr da ist?

Dann kommt nach einer Viertelstunde bestimmt wieder irgendwer. Das Ganze ist ja nicht so gedacht, dass man 16 Stunden lang dabei ist. Es ist eher so: Man kommt und geht und kommt wieder, wenn man Lust hat. Bei den bisherigen Aufführungen hat das immer ganz gut funktioniert. Niemand bleibt 16 Stunden lang drinnen - außer mir.

Was werden die Besucher hören?

Die Streicher bekommen den „Ring“ über Kopfhörer eingespielt. Das Publikum aber hört nur das, was die Musiker spielen. Die Musiker haben die Noten des Klavierauszugs, die aber von mir bearbeitet sind. Ich habe ein System entwickelt, bei dem Wagner manchmal nur etwas und manchmal deutlich durchklingt, manchmal aber auch in anderen Klängen verschwindet.

Steht die Musik im Zentrum?

Nein. Wichtig ist auch die Szene, das Licht, die Stimmung. Und ein paar Dinge können die Besucher ausprobieren. So werden Wassertonnen aufgestellt sein, in die der „Ring“, den die Musiker über Kopfhörer hören, durch Unterwasserlautsprecher übertragen wird. Wer das hören will, muss mit dem Kopf unter Wasser gehen.

Man muss also bereit sein, einzutauchen?

Richtig. Der Anfang vom „Rheingold“ spielt schließlich auch unter Wasser.

Wie halten die Musiker die 16 Stunden Spieldauer durch? Müssen sie durchgehend auf der Bühne sein?

Nein, die haben einige kurze Pausen. Abwechselnd kann jeder mal eine Viertelstunde raus. Aber es sind nie alle weg.

Wird es Proben in Hannover geben? Und wie lange werden die dauern?

Wir haben das ja schon öfter gespielt: in Donaueschingen, in Madrid und zweimal in Berlin. Das heißt, wir müssen für Herrenhausen nicht mehr alles proben, sondern nur die komplizierten Stellen. Wir proben zwei Tage in Berlin und einen Tag in Hannover.

Hat Kunst jemals durch Dauer gewonnen?

Was meinen Sie damit?

Ist die Verbindung zu Wagner über die Dauer des „Rings“ nicht vielleicht auch eine etwas oberflächliche Verbindung?

Nein. Es gibt da diese große Form, diese Massen an Noten. Und damit will ich umgehen. Mein Anspruch ist nicht, Musiktheater wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu präsentieren. Es geht um eine neue, andere Perspektive. Ich will zeigen, dass man im Konzert immer viel versäumt, dass man immer nur ein Kurzzeitzeuge ist, ein Passant.

Sie waren auch schon früher bei den Kunstfestspielen zu Gast und haben sich dort mehrfach mit Wagner auseinandergesetzt, etwa mit einer pneumatisch betriebenen „Zwitscheresche“ oder dem „Verdichtungsflügel“, der auf eine Rüttelmaschine montiert war und durch die Gartenanlage stampfte. Was ist mit dem Rüttelflügel geschehen?

Der Flügel ist noch in Betrieb. In Zusammenhang mit einer „Lohengrin“-Arbeit war er in Weimar zu sehen. Er steht nach wie vor in meinem Lager.

Geht Ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Wagner weiter?

Nachdem ich 2013 sehr viele Wagner-Projekt gemacht hatte, wollte ich mich eigentlich wieder anderen Dingen zuwenden. Aber gerade meine „Ringlandschaft mit Bierstrom“ wird oft nachgefragt. So war es nicht ganz leicht für mich, mich von Wagner zu lösen. Im Herbst mache ich ein kleineres Stück, das mit „Tristan“ zu tun hat.

Was für Bier wird in Herrenhausen ausgeschenkt?

Herrenhäuser Pilsener.

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