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Kultur George Clooney als verzweifelter Vater in „The Descendants“
Nachrichten Kultur George Clooney als verzweifelter Vater in „The Descendants“
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07:26 27.01.2012
Von Stefan Stosch
Foto: Matt (George Clooney) mit seinen Töchtern Alexandra und Scottie – sowie Sid.
Matt (George Clooney) mit seinen Töchtern Alexandra und Scottie – sowie Sid. Quelle: 20th Century Fox
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Hannover

Matt King hat guten Grund, auf seine Frau sauer zu sein. Er hat soeben Unangenehmes über sie erfahren: Sie hat ihn betrogen, sie hat sich in einen anderen verliebt, sie will ihn verlassen. Seine beiden Töchter hat er deshalb aufgefordert, vor der Tür zu warten, nun holt er aus zu einer Aussprache unter vier Augen.

Und doch hätte Matt sich keine ungünstigere Situation aussuchen können. Seine Frau Elizabeth wird ihm nicht antworten, und er weiß das genau. Elizabeth liegt nach einem Bootsunfall im Koma. Sie wird sterben, sobald die Geräte in der Klinik abgestellt werden. Und das hat sie für einen Fall wie diesen verfügt. Eine verrückte Szene ist das in Alexander Paynes Familiendrama „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“: ein einseitig ausgefochtener Ehestreit am Sterbebett.

Der unglückliche Familienvater Matt wird gespielt von George Clooney. Das sonst so edle Grau auf dem Haupt von Hollywoods Gentlemandarsteller Nummer eins wirkt in diesem Film stumpf und matt. Und wenn Clooney sich bewegt, dann nicht mit dem federnden Gang, den wir von ihm von diversen roten Teppichen kennen. Er schiebt die Schultern leicht vor und sich selbst geradezu schwerfällig hinterher. Einmal spurtet Matt in Latschen die Straße vor seinem Haus entlang und wirkt dabei wie ein flugunfähiger Vogel – bemitleidenswert und witzig zugleich.

Schon nach ein paar Filmminuten hat man vergessen, dass dies der coole Einbrecher aus den „Ocean’s“-Filmen ist oder zuletzt der smarte US-Präsidentschaftskandidat in „The Ides of March – Tage des Verrats“. Das hat auch mit Clooneys Aufzug zu tun: Er trägt Latschen, kniefreie Hosen und Hawaiihemden, einige davon in schreiend bunten Farben.

Am 26. Januar startet „The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten“ in den Kinos. George Clooney geht als wohlhabender Anwalt auf die Suche nach dem verlorenen Familienidyll.

Die Männer in „The Descendants“ bevorzugen allesamt solch legere Kleidung, denn der Film spielt auf Hawaii. Die Inselgruppe mit ihren Traumstränden und Golfplätzen gilt gemeinhin als touristisches Paradies, aber King lässt von Anfang an keinen Zweifel, dass er eine andere Ansicht von seinem Zuhause hat: „Das Paradies kann mich mal“, ist seine Stimme aus dem Off zu vernehmen. Auch auf Hawaii stürben die Leute an Krebs, auch hier tue Liebeskummer weh. Tatsächlich ist der Himmel über Hawaii in diesem Film oft grau, ganz anders als wir das aus Urlaubskatalogen kennen.

Matt findet sich von einem Tag auf den anderen in einer Tragödie wieder – und muss sich von nun an um seine Töchter kümmern. Scottie (Amara Miller) ist zehn und Alexandra (Shailene Woodley) 17. Auch die Welt der Kinder ist aus den Fugen, auch sie sind voller Wut und Verzweiflung. Alexandra hat sich bei der letzten Begegnung mit der Mutter gestritten. Von dieser Auseinandersetzung kommt sie nicht los. Und was im Kopf seiner Tochter Scottie vorgeht, versteht Matt sowieso nicht. Nun liegen beide Töchter im Clinch mit ihrem Erziehungsberechtigten Matt. Mit seiner Autorität steht es nicht zum Besten. Bislang war vorrangig Elizabeth für die Töchter zuständig, Matt lebte für seine Arbeit. Nicht nur seine Frau führte ein Parallelleben – in gewisser Weise auch er selbst. Für ihn beginnt die Zeit des Erwachens.

Matt muss sich fragen, was für ihn künftig wichtig ist. Dazu zählt auch der Verkauf einer Traumbucht an einen Touristikkonzern. Seit Jahrhunderten gehört die Bucht der Familie, in deren Adern indianisches Blut fließt. Matts zahlreiche Cousins drängen ihn zu dem Zigmillionengeschäft. In diesem Film geht es auch darum, ob Traditionen Menschen Halt geben können.

Mit „Descendants“ – was so viel wie Nachkomme, Abkömmling heißt – hat Payne den Erstlingsroman der hawaiianischen Autorin Kaui Hart Hemmings verfilmt. Das hätte eine ziemlich süßliche Angelegenheit werden können, doch davor hat den Regisseur sein ausgeprägtes Gespür fürs Komische im Traurigen bewahrt.

In „About Schmidt“ hauchte Payne einem depressiven Witwer, gespielt von Jack Nicholson, neuen Lebensmut ein. In „Sideways“ schickte er zwei Weinkenner auf einen turbulenten Selbstfindungstrip. Auch hier lässt er einem starken Ensemble (darunter Beau Bridges, Robert Forster) Raum, um sich frei von üblichen Hollywood-Schemata zu entfalten.

Fünf Oscar-Nominierungen gab’s in dieser Woche für „The Descendants“ – für den besten Film, für Regie, Drehbuch, Schnitt und natürlich für Hauptdarsteller George Clooney. Sein größter Konkurrent ist Jean Dujardin als Stummfilmstar in „The Artist“. Verdient hätten es beide.

Das Komische im Schrecklichen suchen: Brillantes Familiendrama. Cinemaxx Nikolaistraße, CineStar Kinos am Raschplatz.

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