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Kultur George Harrison war mehr als der stille Beatle
Nachrichten Kultur George Harrison war mehr als der stille Beatle
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08:33 08.12.2011
Von Uwe Janssen
Aus dem Familienalbum: Ein in sich ruhender George Harrison zu Hause in Friar Park (großes Bild), mit John Lennon beim Kauf ihrer Gibson 160E in Rushworth’s Music House 1962 und bei den Aufnahmen für das Album „The Radha Krishna Temple“ in London, 1969.
Aus dem Familienalbum: Ein in sich ruhender George Harrison zu Hause in Friar Park (großes Bild), mit John Lennon beim Kauf ihrer Gibson 160E in Rushworth’s Music House 1962 und bei den Aufnahmen für das Album „The Radha Krishna Temple“ in London, 1969. Quelle: Foto: Harrison Family
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Liverpool

Harrison stieß nicht nur als dritter zur endgültigen Formation der Band, sondern hatte diesen Rang auch in der künstlerischen Produktivität und der öffentlichen Wahrnehmung inne. An den Alphatieren John Lennon und Paul McCartney war kein Vorbeikommen, weder auf der Bühne, noch vor der Kamera – und kompositorisch sowieso nicht. Und das, obwohl der Gitarrist sein Instrument am besten von allen vieren beherrschte und Songs wie „While My Guitar Gently Weeps“ oder „Here Comes The Sun“ beisteuerte. Wer mit einem solchen Jahrhundertduo in der Band spielt, hat in dieser Hinsicht eben Pech gehabt. Wobei das dem stillen Beatle eigentlich recht gewesen sein dürfte. Olivia Harrison hat nun eine Bildbandbiografie über ihren vor zehn Jahren verstorbenen Mann veröffentlicht – und zeichnet ein etwas anderes Bild von ihm. Er sei ein Mann der Extreme gewesen, entweder in sich gekehrt oder aufgedreht.

Auch Starregisseur Martin Scorsese hat sich in einer Filmdokumentation darangemacht, das Geheimnis um den Musiker ein wenig zu lüften, der mit den Beatles nach Indien ging und im Kopf eigentlich nie zurückgekehrt ist. Titel beider Veröffentlichungen ist „Living in the Material World“, und er beschreibt gut die Haltung des Künstlers zu den beiden Welten, in denen er lebte und die er einmal selbst so beschrieb: „Ich kam aus dem Westen und stand auf Rock ’n’ Roll, war völlig durchgeknallt, machte die Nacht zum Tag und tat so ziemlich alles, was als schlecht gilt.  Diese Lebensweise stand im Gegensatz zu den richtigen und guten Dingen, und die hat mich erst Indien gelehrt. Es gab in mir immer diesen Konflikt.“ In der Geltungs-, Geld- und Glamourwelt zu Hause, aber eigentlich nur zu Besuch.

Die Biografie beleuchtet beide Seiten, wobei die zweite Hälfte spannender ist. Vielleicht deshalb, weil die Beatles-Geschichte zwischen Star-Club und Abbey Road schon zu oft erzählt worden ist. Neben Bildern aus Harrisons Kindheit hat Olivia, seine zweite Frau, auch Postkarten und Schulheftkritzeleien herausgesucht. George mochte die Schule nicht. Wo er währenddessen in Gedanken war, zeigt eine der Zeichnungen: George malte im Unterricht Instrumente, ein Cello, vornehmlich Gitarren. „Ich versuchte ständig, eine Fender Stratocaster zu malen.“  Immerhin brachte er als 13-Jähriger Bewunderer schon eine halbakustische Epiphone-Gitarre zu Papier, der er schon wenige Jahre später zu weltweiter Berühmtheit verhelfen sollte.

Wie er die Beatles-Zeit unter anderem erlebt hat, zeigt auch eine Fotostrecke, in der Harrison als Objekt mit Objektiv aufgeregte Fotografen fotografiert hat, die ihre Kameras auf ihn richten wie auf ein seltenes Tier. Oder auch Fans und Polizisten, die ihn vor den Fans schützen sollten. Es drückt die Unbehaglichkeit aus, mit der er dem Rummel um seine Person immer mehr gegenüberstand.

Er suchte zunehmend Zufluchtsorte, um diesem Rummel zu entfliehen. Zwei Schlüssel gab es für George Harrison, die ihn zu einem anderen Denken führten: LSD und Indien. Über die Droge sagt er: „LSD war, als ob man eine Tür öffnet – und das, bevor man überhaupt wusste, dass es eine Tür gab.“ Und als er 1966 erstmals dem spirituellen Musiker Ravi Shankar in Indien begegnete, standen plötzlich eine ganze Reihe Türen offen. „Ich konnte jeden treffen. Aber es war nie ein Mensch dabei, der mich wirklich beeindruckte. Der Erste, auf den das zutraf, war Ravi Shankar – und er war der Einzige, der es nicht darauf anlegte.“

Shankar lehrte den Beatle das Sitar-Spiel, das schon auf Songs wie „Norwegian Wood“ zu hören ist. Doch das Instrument war letztlich eine Metapher für innere Erleuchtung. Während John Lennon sein Anderssein fortan nach außen trug, veränderte sich Harrison eher nach innen gekehrt und nachdenklich, aber nachhaltig. So umtriebig der Popstar Harrison auch als Solokünstler war, so kurzfristig und unbürokratisch er auch 1971 Hilfskonzerte für Bangladesch im New Yorker Madison Square Garden organisierte, sosehr ihn darüber hinaus laute Autorennen und speziell die Formel 1 interessierten, so sehr schien er als Mensch in sich selbst zu ruhen.

Dieses Bewusstsein begleitete ihn auch in seine letzte künstlerische Phase mit den Travelling Wilburys und Produzent Jeff Lynne. Die Aussagen von Mitmusikern sind wohlmeinend, sie zeugen von hohem Respekt für einen Menschen, der ihnen genau diesen Respekt auch entgegenbrachte. Das betextete Bilderbuch ist keine kritische Aufarbeitung eines Lebens, es ist aus naheliegenden Gründen eher ein kommentiertes Familienalbum. Und eine Würdigung, die mehr Facetten ausleuchtet als die des stillen Beatle.

  • Olivia Harrison: „George Harrison – Living in the Material World“. Knesebeck, 400 Seiten, 39,95 Euro. Der gleichnamige Film ist auf von Martin Scorsese ist auf DVD erschienen.
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