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Kultur Gepeinigte Sieger: "Casanova" bei den Oster-Tanz-Tagen
Nachrichten Kultur Gepeinigte Sieger: "Casanova" bei den Oster-Tanz-Tagen
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00:15 04.04.2013
Eine haarige Sache, das mit dem Casanova: Das Aterballetto bei den Oster-Tanz-Tagen.
Eine haarige Sache, das mit dem Casanova: Das Aterballetto bei den Oster-Tanz-Tagen. Quelle: Anceschi
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Nachthemd in Weiß. Vermutlich Baumwolle und Fair Trade. Das Kleidungsstück wäre nicht weiter erwähnenswert, wohl aber sein Träger: Casanova im wadenlangen Nachthemd mit hüfthohem Schlitz. Und das ist auch sinnvoll so. Denn unser schlaftrunkener Frauenheld und Schriftsteller wird mehrfach von Dämonen heimgesucht, die ihn die Seele aus dem Leib tanzen lassen.

Derwische kreisen ja trancehaft um die eigene Körperachse. Bei diesem (Anti-)Helden kreist jeder Arm, jedes Bein, der Kopf, der Rumpf jeweils um eigene, kaum erkennbare Achsen. Als wüteten 1000 Taranteln unter seiner Haut, die alle in eine gegensätzliche Richtung stieben. Der italienische Choreograf Eugenio Scigliano zeigt einen gepeinigten Casanova, mit dem niemand tauschen möchte. (Na ja, so tanzen können, das wäre schon was!)

Gerade mal 75 Minuten dauert dieser Gefühlsrausch, den das Gastspiel der Compagnie Aterballetto während der Oster-Tanz-Tage in der hannoverschen Oper zelebriert. 75 Minuten zeitgenössisches Tanztheater von höchstem ästhetischem Raffinement. Ein überdimensionaler barocker Spiegel verortet die leichtlebige Gesellschaft ins 18. Jahrhundert, eine delikate Lichtführung signalisiert kippende Stimmungen. Ob die 14 hervorragenden Tänzer (sieben Frauen, sieben Männer) sich hoppeldiepoppel ihren Sexspielchen hingeben oder ob ihre Getriebenheit sie schmerzhaft verkrümmen lässt, für alles findet Bühnen- und Lichtbildner Carlo Cerri ein subtiles Kolorit.

Vergleichbar einfühlsam sind die Kostüme entworfen, von den englischen, inzwischen in Italien sesshaft gewordenen Modedesignern Kristopher Millar und Lois Swandale: fluffige, weiße Spitzenkleidchen, irgendwas zwischen H&M, aus dem Rotkreuzcontainer geangelt und mit karllagerfeldscher Genialität hingezuppelt.

In diesem Ambiente gebiert Eugenio Scigliano die Dramaturgie der getanzten Gefühle - vom flüchtigen Sieger und verzweifelten Verlierer. Der 1968 geborene Scigliano, 1994 als bester Tänzer Italiens ausgezeichnet, verfügt über eine betörende Bewegungssprache. Ob Flittchen, Soldat oder Nonne, die Charaktere der Tänzer kennen und lieben die balletöse Aufgerichtetheit. Doch der Rest ist ein flirrendes Heute - barfuß und mit flapsigen Luftsprüngen volle Pulle rein in die Arme des Partners. Oder weichen Armen und Beinen, die Energie hinauszuschleudern vermögen. Harlem Shake und Hip-Hop lassen grüßen - auch wenn’s wie Ballett aussieht. Schon 2009 hat Scigliano das einstudiert.

2001 kam Scigliano als Solist zum Aterballetto. Mitte der Neunziger entstanden unter der Ägide seines Mentors Mauro Bigonzetti, dem Gründer des Aterballetto, erste Choreografien. „Casanova“ ist die erste abendfüllende Arbeit Sciglianos, auf Anhieb ein Bravourstück. Maßgeblich getragen auch von einem barocken Klangteppich, gemixt aus Antonio Vivaldi, Carl Philipp Emanuel Bach und Monsieur de Sainte-Colombe. Während eines intimen Augenblicks streichen die Tänzer über die Körper der Tänzerinnen, als seien diese 300 Jahre alte Gamben.

Beim Aterballetto, das auch schon die Movimentos Festspiele in Wolfsburg aufpolierte, handelt es sich um eine nationale Tanzstiftung, die im oberitalienischen Reggio Emilio beheimatet ist. Hinter dem geheimnisvollen Namen verbirgt sich eine schnöde Abkürzung: A(-ssociazione, t(-eatri), e(-milia), r(-omagna) = Verein der Theater der Emilia Romagna. Das ist eine Institution, die mehrere Aufgabenbereiche vereinigt: Produktionen, Gastspiele, Ausbildung, Forschung. „Casanova“ ist also nur ein kleiner Teil dessen, was das Aterballetto macht. Und ein fabulöses Finale zum Abschluss der drei Gastspiele der Oster-Tanz-Tage.

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