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Kultur „Danke für Ihr Verständnis“
Nachrichten Kultur „Danke für Ihr Verständnis“
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19:09 23.10.2015
Von Melanie Huber
„Batschkapp“ und eine Flasche Bier: Gerd Dudenhöffer in seiner Paraderolle als Heinz Becker. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

„Isch hann do e Mann gekennt, den kenn ich noch heit.“ Das Publikum lacht, jemand sagt: „Gekennt? Das heißt gekannt.“ Der leise Zwischenruf geht unter, der Mann auf der Bühne fährt mit seiner Erzählung fort. Bis auf einen Stuhl mit einem Sitzkissen, einer Flasche Bier und einer Mahnmal-ähnelnden Mauer, auf der Jahreszahlen vermerkt sind, ist da nichts - nichts, außer diesem Mann, der volle 120 Minuten fast unbeweglich dasitzt und den Zuschauern im Pavillon mit erhobenem Zeigefinger „was von da Welt fazählt.“

Der Mann kann das gut, er macht das schon seit 1983. Gerd Dudenhöffer gastiert als Heinz Becker in Hannover, als der Mann, der durch die vom SR und WDR produzierten Serie „Familie Heinz Becker“ (1991-2003) zum Inbegriff deutscher Kleingeistigkeit wurde. Politisch inkorrekt redet der Mann mit der Schiebermütze („Batschkapp“) seit Jahrzehnten wahllos über Themen, bei denen er denkt, dass er eine Meinung dazu hätte. Doch manch einer ist noch immer irritiert von dem Geschwätz, das ihm da geboten wird.

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Denn die Sprache, derer sich Dudenhöffer bedient, mag eigentümlich, ja, im Grunde falsch wirken. Dabei gibt sie ihm die Möglichkeit, seine Figur Heinz Becker in Widersprüchlichkeiten zu verstricken, ohne sich daran aufzuhängen. Das liegt vor allem daran, dass diese Sprache ihre Wurzeln in der saarländischen Mundart hat. Im Unterschied zum Hochdeutschen erlaubt das Saarländische trotz grober Grammatik eine sprachliche Feinheit, die Dudenhöffer nutzt, um inhaltlich auf den Putz zu hauen.

So auch in dem aktuellen Programm „Vita. Chronik eines Stillstandes“. Hier blickt der mittlerweile 66-jährige Dudenhöffer als Heinz Becker in Perfektion auf das Leben des Stammtischphilosophen zurück, dessen zutiefst bescheidener Werdegang (Geburt, Kommunion, Verlobung, Heirat) sich an zeitgeschichtlichen Eckdaten wie dem Mauerbau 1961 oder der Verabschiedung der Notstandsgesetze 1968 orientiert. Die stockkonservativen Ansichten des Heinz Beckers werden dabei ins Lächerliche überführt, latent ausländerfeindliche Äußerungen, die man durchaus auch aus Pegida-Reihen kennt, mit dem absurden Satz kommentiert: „Pegida? Bloß nicht! Ich hab’ mit dem ADAC schon genug schlechte Erfahrungen gemacht.“

Sich selbst der Nächste sein, das propagiert Becker - und wäre da nicht Dudenhöffer, der am Ende ohne „Kapp“ auf die Bühne tritt und mit eigenen Gedichten seine verschrobene Kunstfigur auf angenehme Weise relativiert, man könnte der Illusion erliegen, Heinz Becker sei der wahr gewordene Spießbürger, dem man alles glauben will - gerade wegen seiner Dummschwätzerei.

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