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Kultur Stifter Schröder steht in tausendjähriger Tradition
Nachrichten Kultur Stifter Schröder steht in tausendjähriger Tradition
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00:40 30.04.2018
Elegant und selbstbewusst: Markus Lüpertz vor einem seiner bereits realisierten Kirchenfensterentwürfe in Bamberg.  Quelle: dpa
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Hannover

 Von draußen scheint die Sonne hindurch, und drinnen legen Menschen den Kopf in den Nacken legen - um zu ermessen, wie groß, vielleicht auch wie großartig dieses Kunstwerk ist, das das Kircheninnere und sie selbst in farbiges Licht taucht: So etwa könnte es rund um das Kirchenfenster zugehen, das der Künstler Markus Lüpertz für die Marktkirche entworfen hat und das der Kunstfreund und frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder der Marktkirchengemeinde stiften will.

In himmlische Sphären

Groß wird es jedenfalls, 13 Meter hoch bis unter die Traufhöhe des würdigen Backsteinbaus. Symbolisch strebt es noch weit darüber hinaus, in himmlische Sphären und in die irdische Umgebung. Weil es eben für ein Gotteshaus vorgesehen ist und weil es darin eine besondere Position bekommen soll. Immerhin ist das Werk des Künstlers fürs Mittelfenster auf der Südseite des geistlichen Gebäudes vorgesehen, vis-a-vis vom historischen Rathaus, dem alten weltlichen Machtzentrum der Stadt. 

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„Ich wollte was zu 500 Jahren Reformation machen“, sagt Schröder im Gespräch mit der HAZ zum Ursprung seiner Stiftungspläne. Und fügt gleich hinzu, dass die dafür aufgewendete Summe von gut 100.000 Euro, über die bereits berichtet worden ist, aus eigener Schatulle stamme, zum guten Teil aus Honoraren für Tätigkeiten in Deutschland wie etwa Vorträge - und überhaupt nicht, wie demnach fälschlich berichtet wurde, von Sponsoren. Nur das Künstlerhonorar steuert nach seinen Worten nicht er selbst, sondern ein nicht genannter deutscher Freund bei. Die Idee für das Fenster hätten Kirchenvorstand und Künstler gemeinsam hervorgebracht. „Höchst erfreulich“ hat der Kirchenvorstandsvorsitzende Reinhard Scheibe bei einem gemeinsamen Auftritt mit weiteren Kirchenvertretern am Freitag das Vorhaben genannt. Als „elektrisiert“ bezeichnete sich dabei Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann von den Plänen, die Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann mit Veranstaltungen zu der neuen gläsernen „Membran“ (Landessuperintendentin Petra Bahr) zwischen Kirche und Stadt begleiten will.

Katholik und Malerkönig

Markus Lüpertz, gut zwei Jahrzehnte Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie, zählt – neben Gerhard Richter, Sigmar Polke, Georg Baselitz und Anselm Kiefer - zu den „Big Five“ unter deutschen Künstlern. Er tritt, meist mit mehreren Ringen sowie Stock mit Silberknauf ausgestattet und elegant gekleidet, etwas dandyhaft wie ein weltlicher Malerfürst auf. Er versteht sich zugleich aber als gläubiger Katholik und hat Fensterententwürfe schon für etliche Kirchen angefertigt. „Diese Kunststiftung ist eine noble Geste des Altkanzlers“, sagt Ulrich Krempel, der frühere Direktor des Sprengel-Museums, „und eine, die ihn auch selbst nobilitiert.“ 

Teuflische Fliegen zwischen Tintenfass und Segnungsgeste – der Lüpertz-Entwurf für die Marktkirche Hannover. Quelle: Von Ditfurth

Kunst in der Kirche, gerade in diesem öffentlichen Raum - damit liegen Künstler und Kunststifter nicht nur in einem aktuell verbreiteten Trend, sie stellen sich auch in eine mehr als 1000-jährige Tradition. Schon Gero von Köln (900-976) und Egbert von Trier (950-993) ließen goldverzierte Psalter anfertigen, die dem Glanz und der Gottesnähe der beiden Erzbischöfe huldigten und, statt wie bis dahin stadtferne Klosterkirchen, nun städtische Kirchen zu „Bühnen der geistlichen und weltlichen Repräsentation machten“, wie der Historiker Wolfgang Schmid konstatiert. So begannen Jahrhunderte kirchlicher Förderung von Kunst, die Hoffnungen aufs Jenseits mit Prachtentfaltung im Diesseits verknüpfte. Sie reichte vom Kirchenbau über Goldinventar und Sakralgemälde, meist mit den Stiftern in Gebetspose, bis hin zu Grabausstattungen für Stifter. Wobei oft ganz weltliche Ansprüche, bischöfliche Krönungsrituale beispielsweise, in Stein gehauen wurden. 

Schröders Konterfei?

Beim Fensterentwurf von Lüpertz lässt sich immerhin der Anspruch auf eine veritable Teufelsaustreibung erkennen: Luther, so will es die Legende, soll 1521 auf der Wartburg ein Tintenfass auf Fliegen geworfen haben, die er als Inkarnationen des Teufels betrachtete – das hebräische „Beelzebub“ lässt sich schließlich mit „Herr der Fliegen“ übersetzen. Ist es abwegig, dass manche Feuilletons in dem überlebensgroßen Mann unter Tintenfass und Fliegen auf dem Lüpertz-Entwurf ein Konterfei des Kanzlers zu erkennen glauben? Fragen danach lassen Schröder spontan auflachen. „Das ist ja lächerlich“, sagt er und fügt hinzu: „Das ist natürlich Luther.“ 

In jüngeren Jahren haben viele Künstler auch Kirchenfenster entworfen, darunter etliche Prominente: 

Gerhard Richter stattet 2007 das Südfenster des Kölner Doms mit abstrakten bunten Quadern aus. 

Neo Rauch entwirft im selben Jahr für die Elisabethkapelle im Naumburger Dom drei Fenster mit Motiven der Heiligen Elisabeth.

Markus Lüpertz gestaltet Fenster für die Kirchen Sankt Andreas in Köln (2007), Sankt Elisabeth in Bamberg (2015), Sankt Marien in Lippstadt (2017) sowie die Marienkirche in Lübeck und die Dorfkirche in Landsberg-Gütz

Sigmar Polke verwandelt 2009 sieben Fenster des Züricher Münsters in ein Lichtkunstwerk aus geschliffenen Achatscheiben. 

Imi Knoebel setzt 2015 monochrome Scheiben in vielen Farben und ungleichmäßigen Mustern in die Kathedrale von Reims in Frankreich.

Sicher ist, dass in der Sakralkunst gerade Kirchenfenster Orte besonders symbolträchtiger Strahlkraft sind. „Vor den Winden schützen sich die Utopier mit Fenstern aus Glas“, schreibt Thomas Morus 1516 in „Utopia“. Glasfenster als utopischer Überschuss - so atemberaubend muss für Menschen, die hinter Verschlägen oder Sackleinen hausten, der Anblick riesiger, noch dazu bunter Scheiben gewesen sein. „Immaterielles Licht wird zur empirisch erfahrbaren sinnlichen Größe“, sagt der beim Auftritt mit den Kirchenvertretern am Freitag gleichfalls präsente Ulrich Krempel, der sich während eines Forschungsjahrs in Rom intensiv mit Kirchensymbolik und Sakralinszenierung befasst hat. „Licht zu setzen, war für Kirchenbaumeister ein zentrales Anliegen, zum Licht des Himmels war Dunkel das Gegenstück als Farbe des Bösen, Licht stand für Transzendenz, Erhellung, Erleuchtung.“ Und die Fenster dienten weiteren Funktionen, waren Orte religiöser Bildgeschichten für die meist des Lesens nicht mächtigen Gläubigen, zeigten in harmonischem Miteinander mit biblischen Figuren wiederum oft Stifter, dienten deren Repräsentation und gewährleisteten ihnen und den Kunstwerken eine Öffentlichkeit mit Ewigkeitsanspruch. Eine größere Geste, eine weiter ausgreifende Transzendenz ist kaum denkbar als eine Kunstinszenierung, die auf ein Spiel mit Zeit und Raum, Gott und der Welt, Ewigkeit und Vergänglichkeit hinausläuft. 

Endziel Unsterblichkeit

Die Kunst der Zeitlichkeit zu entziehen - das kann ein Motiv dafür sein, Kirchen als Kunststätte zu nutzen. Nicht nur auf den „Malerfürsten“ Lüpertz, auch auf Künstler wie Gerhard Richter und Sigmar Polke, Imi Knoebel und Neo Rauch gehen Kirchenfensterentwürfe zurück. Eine Abkehr von der klassischen Moderne, deren Künstler selten religiös orientiert waren? Ein Rollback nach bald zwei Jahrhunderten Aufklärung und weltlicher Kunst? „Neo will einfach unsterblich werden“, nennt Gerd Harry Lybke als ganz profanes und gar nicht jenseitsgewandtes Motiv des Künstlers, der wie die meisten seiner Kollegen zum Kunstort Kirche eigene und freiere Zugänge gefunden hat – andere eben als liturgische Traditionen und religiöse Dogmen sie jahrhundertelang vorgeschrieben haben. 

Eher zu den Zweiflern

Und wieso hat sich Lüpertz, warum hat sich Schröder gerade für diesen Kunststiftungrahmen entschieden? „Der Anlass war ja das Reformationsjubiläum, ich lebe in Hannover, bin der Stadt verbunden – und als einer der großen Sakralbauten des Luthertums ist die Marktkirche dafür der passende Ort“, sagt er. Die große Stiftertradition dagegen sei ihm in diesen Dimensionen gar nicht bewusst gewesen, räumt er ein und fügt mit Blick auf sein eigenes Verhältnis zu Kirche und Religion hinzu: „Ich habe ja immer eher zu den Zweiflern gehört, bin aber auch zu wildesten Jusozeiten nicht aus der Kirche ausgetreten, weil ich glaube, dass sie ganz wichtige Funktionen wahrnimmt.“ Und die Lust an Kirchenkunst mit Ewigkeitsanspruch? „Es ist ja schön, dass es diese Tradition gibt, und ich werde mich bestimmt auch immer wieder freuen, wenn ich das Kunstwerk in der Marktkirche erblicke, aber Gedanken an Nachruhm oder gar die Ewigkeit – das hat für mich keine Rolle gespielt.“

Ganz sicher ist es übrigens noch nicht, dass das Fenster tatsächlich in der Marktkirche installiert wird. Denn das letzte Wort hat der Denkmalschutz. Das allerletzte Wort aber, so ist von der Landeskirche zu hören, hat eben diese. Und sie ist bislang ja ganz angetan von den Plänen.

Von Daniel Alexander Schacht