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Kultur Germanist: „Wir werden immer intelligenter“
Nachrichten Kultur Germanist: „Wir werden immer intelligenter“
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06:15 26.09.2012
Von Simon Benne
Gerhard Lauer lehrt am Seminar für Deutsche Philologie an der Universität Göttingen. Quelle: Archiv
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Hannover

HAZ-Redakteur Simon Benne sprach mit Germanist Professor Gerhard Lauer von der Georg-August-Universität Göttingen.

Im hannoverschen Landtag sprechen Sie demnächst über das Thema „Am Ende das Buch“. Muss es nicht eher heißen: „Das Buch ist am Ende“? Es heißt doch immer, dass niemand mehr lesen will.

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Es gibt da einen sehr etablierten Diskurs - unakademisch gesprochen: ein Dauergerede - darüber, dass niemand mehr lese. Angeblich hat uns die digitale Demenz fest im Griff, Kinder lesen nicht mehr, und wir alle werden immer dümmer. Doch das ist wissenschaftlich überhaupt nicht zu halten.

Sondern?

Wir werden eher immer intelligenter. Man nennt das den Flynn-Effekt. Der neuseeländische Sozialpsychologe James R. Flynn hat schon vor Jahrzehnten beschrieben, dass die kognitive Intelligenz in Industrienationen zunimmt. In einer anregungsreichen Umwelt sind Menschen gezwungen, schnell auf neue Herausforderungen zu reagieren, man hat mehr soziale Kontakte, und es gibt mehr Innovation als in einem Umfeld, das auf ein paar Dutzend Menschen beschränkt und von Routine geprägt ist. Womit nicht gesagt sein soll, dass Menschen in Dörfern dümmer sind. Wer sich in der Stadt immer nur im eigenen Kiez bewegt, kann ziemlich provinziell leben.

Dennoch: Bleibt das Lesen nicht auf der Strecke? Hirnforscher wie Manfred Spitzer warnen, dass wir uns mit Computerspielen um den Verstand bringen.

Wir sind doch ständig mit Geschichten beschäftigt: beim Fernsehen, mit Büchern - und auch durch das Internet hat das Lesen und Schreiben von Geschichten dramatisch zugenommen.

Hat aber das Buch noch eine Zukunft?

Ein Medium stirbt nicht, nur weil ein anderes dazukommt. Die Handschrift ist durch Schreibmaschinen nicht ausgerottet worden, der Hörfunk hat das Lesen nicht ausgerottet, das Fernsehen nicht das Radio. Heute gilt: Wer mit digitalen Medien gut umgehen kann, nutzt meist auch andere, zum Beispiel Bücher. Das gilt schon für Kinder. Kinder, die viele Bücher lesen, sind häufig auch sehr aktiv im Internet. Problematisch sind Ein-Medien-Nutzer, die nur vor der Glotze oder nur am Handy hängen.

Ist nicht auch wichtig, was für Bücher die Kinder lesen?

Ob Kinder Harry Potter lesen oder Homer macht für ihre Bildungsbiografie kaum einen Unterschied. Kinder, die früh gelernt haben, dass Lesen hoch bewertet wird in dieser Welt, werden ihr Leben lang am Lesen festhalten. Deshalb ist es wichtig, früh ihr Interesse am Lesen zu wecken.

Das wird wohl dadurch erschwert, dass die Fähigkeit verloren geht, sich auf längere Texte zu konzentrieren...

Um 1900 erschienen Karl-May-Bücher auch als Fortsetzungsromane in Zeitungen - sie wurden also in kleinen Stücken gelesen. Es ist eine völlig diffuse Annahme, dass wir verlernen würden, uns auf längere Prozesse zu konzentrieren. Dafür gibt es keinen soliden wissenschaftlichen Beleg. Im Gegenteil: Unsere Arbeitswelt ist hochkomplex, viele Tätigkeiten verlangen hohe Konzentration über längere Zeit. Wir müssen ein großes Maß an Wissen viel schneller integrieren als Menschen früherer Zeiten.

Dennoch glauben viele Forscher, dass exzessiver Umgang mit Computern üble soziale und kognitive Folgen für junge Menschen haben kann.

Neue Medien wurden allerdings schon immer kritisch beäugt. Im 18. Jahrhundert gab es Lesesuchtdebatten: Man fürchtete, die Menschen könnten nur noch Räuberromane lesen und nicht mehr in die Kirche gehen. Noch in den siebziger Jahren gab es ernsthafte Debatten darüber, ob Farbfernsehen moralisch verheerend auf Frauen wirke. Immer hieß es, die Nutzer würden in die Medien hineingezogen und könnten irgendwann nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden - wie heute bei den Computerspielen. Das ist ein kulturkritisches Muster, das immer wiederkehrt.

Dann sind digitale Medien prinzipiell ungefährlich?

Moment: Es gibt durchaus Problemgruppen, besonders unter Nutzern aus sozial schwachen Schichten mit niedrigem Bildungsgrad. Die Resilenzforschung hat sich damit beschäftigt, warum manche Menschen mit Krisen besser fertig werden als andere. Wer im Leben erfahren hat, dass es eine Person gibt, die unter allen Umständen zu ihm hält, kann Krisen eher bewältigen. Menschen, bei denen das nicht der Fall ist, können dazu neigen, sich beispielsweise in die Rolle von Computerspielhelden zu flüchten. Für sie können neue Medien durchaus eine Gefahr sein.

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