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00:21 21.08.2014
Von Uwe Janssen
Auf dem Weg nach oben mal kurz verschnaufen: Gasligth Anthem. Quelle: Universal
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Die Popmusik ist ein Modepüppchen. Sie muss sich ständig umziehen, um nicht langweilig zu werden, sie braucht Moden, Marotten, Hypes. Wer länger oben schwimmen will, muss sich ständig neu erfinden oder ist weg vorm Fenster.

In der Rockmusik ist das immer noch ein bisschen anders. In Genres wie Metal und Punk sind Grenzüberschreitungen schwierig, gerade wenn es in Richtung Pop und also Mainstream und weg von der Wahrhaftigkeit geht, hat eine Öffnung geradezu etwas Verräterisches. So könnte man beispielsweise die Entwicklung der Band The Gaslight Anthem beleuchten. Sie hat 2007 mit einem Album namens „Sink or swim“ angefangen, was in die Sparte Punk sortiert wurde.

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Weil es schnell, forsch, energiegeladen und ein bisschen rotzig war. Aber diese Band war nie Punk. Sie hat sich von Punkmusik inspirieren lassen. Und ist dann weitergezogen. Für eine solche Abgreifmentalität ist der Spaßpunk erfunden worden, ein Subgenre, allerdings eher des Pop als des politischen Punk. Doch auch in diese Schublade passt The Gaslight Anthem, die Band aus New Jersey um Sänger Brian Fallon, überhaupt nicht rein. Auch sieben Jahre später nicht.

Hier kommt die Aura von Bruce Springsteen ins Spiel. Wer den Boss im Konzert erlebt hat, weiß, was gemeint ist. Vielleicht zieht seine Strahlkraft noch viel weitere Kreise als eine Halle oder ein Stadion. Vielleicht kommt man als Musiker aus New Jersey einfach nicht an dem Mann vorbei. In Brian Fallon und seine Band The Gaslight Anthem ist seit „Sink or Swim“ Album für Album immer mehr Springsteen in sie gefahren, und seit der Boss bei einem Konzert in Asbury Park zu Fallon auf die Bühne kletterte, wird er diesen Vergleich nicht mehr los. Fallon selbst hat Fluch und Segen dieses Umstandes sehr wohl erkannt, sagt aber auch: „Es wäre schlimmer, wenn man uns mit Leuten vergleicht, die wir nicht mögen.“

Wer das neueste Werk „Get Hurt“ erstmals zu Ohren bekommt, könnte an zwei Stellen meinen, es direkt mit dem Altmeister zu tun zu haben. Vielleicht kann man sich bei „Rollin’ and Tumblin’“ und „Dark Places“ auf Hommagen einigen. Und vielleicht auch darauf, dass Fallons Herkunft, seine Stimme, sein Songwriting und der Wille, eine Stadionrockband zu sein, irgendwann zwangsläufig auf einen solch breiten, hymnischen Sound herauslaufen musste.

Fallon selbst tut ein Übriges dafür. Poserei ist weder auf der Bühne noch in seinen Songs die Sache des 34-Jährigen. Die Gefühle, über die er singt, kauft man ihm durchaus ab. Der Rolling Stone bezeichnete ihn mal als „einen dieser Typen, der dir hilft, dein Auto zu reparieren und dir dann seine Lebensgeschichte bei einem Träger Bier erzählt“. Dass er seine Lebensgeschichte gern auf einem rauen Gitarrenteppich ausbreitet, muss überhaupt kein Widerspruch sein.

Auch hier winkt der Boss. Und er scheint Fallon ins Ohr zu flüstern: „Guter Rock ‘n’ Roll, mein junger Freund, wird niemals sterben.“ So lange es Bands wie The Gaslight Anthem gibt, kann man sich dieser Sache zumindest einigermaßen sicher sein. Und doch ist „Get Hurt“ trotz aller Huldigung für den berühmten Nachbarn auch ein Schritt weg von ihm. Denn der „böse“ Pop hat Einzug gehalten. Hinter dem monströsen Seventies-Hardrockriff des einleitenden „Stay Vicious“ versteckt sich eine fließende Hymne fürs Radio, das Titelstück ist eine bittersüße Ballade, die auch Bryan Ferry hätte einfallen können.

Hier und da weht ein Hauch Country um die Ecke. Bei der Lagerfeuerhymne „Break your Heart“ hat Fallon ein bisschen bei Tom Petty geklaut, oder sagen wir, er stellt einen Kontext her, der gar nicht so abwegig ist.

So wird „Get Hurt“ zu einer musikalischen Melange, die kaum noch in Schubladen passt und die viel mehr das Zeug zu einem großen Album hat als die etwas platte Coveridee mit dem umgedrehten Herz vermuten lässt. Für Puristen ein Gräuel, für Neugierige eine kleine Schatztruhe, in der mehr als Bruce ist. Wie sagte Fallon: Springsteen brauchte auch vier Alben, bis man merkte, dass er nicht Dylan ist.

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