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Kultur Puccinis „Tosca“ feiert Premiere
Nachrichten Kultur Puccinis „Tosca“ feiert Premiere
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00:23 05.10.2014
Von Jutta Rinas
Ivan Turšić, Rafael Rojas und Daniel Eggert. Quelle: Staatsoper
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Hannover

Es ist einer der innigsten Dialoge in Giacomo Puccinis „Tosca“. Dabei findet das Gespräch unter Liebenden in verzweifelter Bedrängnis statt. Die Sängerin Floria Tosca ist dem sadistischen Polizeichef Scarpia während eines Verhörs hilflos ausgeliefert. Scarpia quält sie mit Worten, lässt dabei ihren Geliebten Mario Cavaradossi foltern, um sie so zu zwingen, das Versteck des flüchtigen Häftlings Angelotti (Michael Dries) zu verraten. Irgendwann darf Tosca den Geliebten für einen Moment sehen: „Mario“, flüstert sie, erschüttert über seinen Anblick, „erlaubst du mir zu reden?“

Bei der Premiere der „Tosca“ zum Saisonauftakt in der Staatsoper Hannover wird gleich in der ersten Szene deutlich: das junge ungarische Regieteam Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka hat Ungewöhnliches mit dem Opernstoff vor.

In der Premiere von Giacomo Puccinis „Tosca“ zum Saisonauftakt an der Staatsoper Hannover findet dieser Dialog durch ein Gitter hindurch statt. Es ist ein kleines Gitter, das einen Raum im Erdgeschoss eines imposanten Bühnenaufbaus mit einem Raum im ersten Stock verbindet. Man sieht auf der Bühne einen grauen Koloss von einem Gebäude, mehrere Stockwerke hoch, versehen mit lauter Türen. Oben, im Verhörzimmer, das an ein Stasi-Büro erinnert, quält Geheimdienstchef Scarpia Tosca. Unten, in einem Kellerraum, in den man durch jenes Gitter hindurch blicken kann, wird Cavaradossi malträtiert.

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Das ist aber noch lange nicht alles, was das junge ungarische Regieteam Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka (beide sind auch verantwortlich für Bühnenbild und Kostüme) in diesem Moment zeigt. An Scarpias Verhörraum schließt sich eine Reihe von Büros mit Geheimdienstmitarbeiterinnen im kommunistischen Einheitsdress an. Neben Cavaradossis Folterkeller sieht man weitere Zellen, in denen geschundene Gestalten ausgepeitscht werden. Am Abend vor dem Tag der Deutschen Einheit, an dem Jugendliche draußen auf dem Opernplatz grölend feiern, findet in der Oper eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Polizeistaat statt.

Szemerédy und Parditka weiten – schon rein szenisch – an dieser Stelle den Blick, indem sie Cavaradossis individuelle Folterung zu einer Massenszene machen. Immer wieder betonen sie die politische Dimension in Puccinis im Original im Jahr 1800 in Rom spielendem Werk. Zwei Künstler werden hier plötzlich aus ihrem scheinbar sorglosen Leben gerissen und innerhalb von wenigen Stunden durch die unbarmherzige Maschinerie eines unmenschlichen diktatorischen Regimes hindurchgetrieben. Eine mit vorgehaltenen Pistolen erzwungene Massendemonstration für das Staatsoberhaupt erleben wir vor Scarpias Büro statt wie im Original ein Fest der neapolitanischen Königin Maria Carolina. Im ersten Akt sind es keine Chorschüler, die sich mit dem Mesner (pointiert: Daniel Eggert) auf das Te Deum in der Kirche von Sant’Andrea della Valle vorbereiten wollen. Es sind spielende Kinder, die sich vor einem tristen Mietshaus um einen schluffigen Hausmeister scharen. Kurz vor dem Auftritt des Polizeichefs Scarpia und seines Schergen Spoletta (Ivan Tursic) streifen sie sich plötzlich Uniformen über, um dann in Reih und Glied ihrem Anführer zu folgen. Szemerédy und Parditka fügen dem Stück sogar eine neue Figur hinzu: Die Schwester Angelottis, die Marchesa Attavanti (Stella Motina), ist hier nicht nur auf einem Gemälde zu sehen. Sie tritt zu Beginn des dritten Aktes anstelle des Hirten auf und betrauert den Selbstmord ihres geliebten Bruders.

Eindrucksvolle Bilder entstehen: etwa wenn Scarpia sich zu den eindringlichen Klängen des Te Deums als (mord)lüsterner Sadist (machtvoll: Brian Davis und der Opernchor unter der Leitung von Dan Ratiu) zelebriert. Hinter ihm versammeln sich massenhaft Elendsgestalten, die plötzlich ihre Lumpenkleider abwerfen und uniformiert dastehen.

Mancher Regieeinfall wirft aber eher Fragen auf, als dass er Perspektiven eröffnet. Warum beispielsweise ist in der Te-Deum-Szene im Hintergrund noch eine Serie von Fotos mit anonymen Gesichtern zu sehen? Was macht die Marchesa Attavanti in Scarpias Büro? Warum springt auf der Bühne immer wieder ein kleines Schulmädchen herum?

Viel problematischer ist noch, dass den Regisseurinnen bei allem Fokus auf Kollektivität und Totale die Liebesgeschichte in „Tosca“ zu sehr aus dem Blick gerät. In der weitgehend konzertanten Aufführung der „Tosca“ der NDR Radiophilharmonie im Maschpark war gerade die Beziehung zwischen Tosca und Cavaradossi ein tragendes Element. Selbst aus der Ferne – teilweise sogar optisch verhängt von Kameras – waren einem diese beiden Liebenden ganz nah. In der Staatsoper Hannover wird jetzt die Dreiecksgeschichte zwischen Scarpia, Cavaradossi und Tosca (mal innig, oft zornig: Brigitte Hahn) auch herausgestellt, natürlich. Aber sie bleibt ein Schicksal unter vielen. Distanz entsteht auch dadurch, dass der imposante Gebäudemoloch die Bühne so sehr dominiert. Die Menschen sehen in dieser Inszenierung immer klein aus, auf der Straße im ersten Akt oder im Verhörzimmer im zweiten. Entsprechend abgeschwächt wirken ihre Gefühle. Dazu kommt noch, dass die Figurenführung manchmal rätselhaft bleibt. Dafür, dass Tosca und Cavaradossi eines der großen Liebespaare der Operngeschichte sind, geht es erstaunlich kühl zwischen ihnen zu. Oft schauen sie sich nicht einmal an, während sie von ihrer Liebe singen. Wie viel die beiden tatsächlich füreinander empfinden ist am deutlichsten in Cavaradossis Arie „E lucevan le stelle“ (mit strahlend-schönem Tenor: Rafael Rojas) spürbar. Die singt er alleine.

Dafür, dass diese Inszenierung dennoch zu empfehlen ist, sorgen nicht nur die fast durchweg starken Sänger. Auch das Staatsorchester unter Dirigent Mark Rohde ist gut aufgestellt. Machtvoll, bedrohlich, wuchtig, klingt das Motiv des Scarpia gleich zu Anfang. Schwelgerisch, sehnsüchtig, schmerzlich-schön durchziehen die Melodien Puccinis den Abend. Kammermusikalisch fein, ja lyrisch, klingen die Streichersätze im dritten Akt. Am Ende: Großer Applaus für das Opernensemble und vereinzelte Buhs für das Regieteam.

Wieder am: 11., 14., 24. und 26. Oktober.

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