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Kultur Gideon Kremer spielt Galakonzert in
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Nachrichten Kultur Gideon Kremer spielt Galakonzert in
 Hannover
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20:18 24.09.2009
Von Stefan Arndt
Gidon Kremer: „Jedes Konzert, das man spielt, ist ein Wettbewerb mit sich selber.“
Gidon Kremer: „Jedes Konzert, das man spielt, ist ein Wettbewerb mit sich selber.“ Quelle: Gusov
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Er hat mit den wichtigsten Orchestern der Welt musiziert, mehr als hundert Schallplatten und CDs eingespielt und mit den interessantesten Partnern Kammermusik gemacht. Er hat ein Festival gegründet und ein eigenes Orchester ins Leben gerufen. Seit mehr als dreißig Jahren schon gehört Kremer unangefochten zu der Handvoll von Musikern, die man mit gutem Recht als „große Geiger“ verehrt. Glücklich aber ist er damit nicht.

„Wenn man Musik nur als Begleitung seines Lebens empfindet, dann kann man es auch genießen“, sagt er und lässt zum ersten Mal das etwas aufgesetzte Lächeln sehen, hinter das er sich immer wieder zurückziehen wird. „Wenn man es aber ernst meint, muss man sich aufopfern.“ Kremer sitzt an einem kahlen Tisch im Bühnenbereich der Braunschweiger Stadthalle, wo er für einen Auftritt am kommenden Tag probt. Hinter ihm steht die schallgedämmte Tür zum Einspielzimmer offen, vorne schnauft der Kaffeeautomat: die Heimat eines reisenden Virtuosen. Kein Wunder, dass er deutliche Worte findet, wenn er über den Nachwuchs spricht. Jeder junge Musiker, der erwägt, Musik zum Beruf zu machen, müsse sich entscheiden: „Will ich dafür alle anderen Interessen aufgeben und das Privatleben vernachlässigen, oder will ich das nicht?“

Ihm selbst wurde diese Entscheidung früh abgenommen. Kremers Großvater Karl Brückner war ein bekannter deutscher Geiger, der 1935 vor den Nazis nach Russland floh. Kremers Vater leitete später eine Violinklasse an der Musikhochschule in Riga. In der lettischen Metropole kam Gidon Kremer 1947 zur Welt, als Vierjähriger begann er, Geige zu spielen. Die weitere Karriere war fest geplant: Als er mit 18 zu David Oistrach, dem Superstar der Geigenvirtuosen, ans Moskauer Konservatorium kam, eilte Kremer bereits der Ruf eines perfekten und höchst individuellen Geigers voraus.

Es waren jedoch erst die Erfolge bei den renommierten Wettbewerben in Brüssel, Montreal und Moskau, die ihm die internationale Karriere eröffneten. Die Erinnerung an die Wettbewerbs­situation ist noch immer frisch: „Ich stand wohl vierzigmal vor einer Jury und weiß, wie hart das ist“, sagt er. „Ich empfinde Sympathie für alle Teilnehmer in Hannover.“ Ganz befreit von diesem Druck hat er sich nie: Jedes Konzert, das man spiele, sei zwangsläufig ein Wettbewerb mit sich selber. „Man muss sich das Maximum abverlangen und alles der Musik widmen“, sagt er. „Dafür ist ein Wettbewerb eine gute Schule.“ Trotzdem laufe man bei einem solchen Kräftemessen Gefahr, Musik mit Sport zu verwechseln. „Das technische Niveau ist heute sehr hoch“, sagt er. Viele Spieler beherrschten die Noten, doch das mache sie noch nicht zu guten Musikern: „Erfahrungen, Gefühle, Gedanken – all das sollte nicht vernachlässigt werden.“ Darum sei es wichtig, einen eigenen Zugang zur Musik zu finden und sich nicht einschüchtern zu lassen von denen, die „glauben, sie wüssten immer besser, was man tun solle“.

Kremers Spiel ist beispielhaft für einen solchen eigenwilligen Weg. Schon seine Tongebung hat bei aller Schönheit etwas von der flackernden Unstetigkeit des Suchenden. Das herkömmliche Repertoire hat ihm dafür nie ausgereicht – obwohl er es meisterhaft beherrscht: 1980 euphorisierte er mit seiner Version des Tschaikowsky-Konzertes die Berliner Philharmoniker und den Dirigenten (und Geiger) Lorin Maazel so sehr, dass die Aufnahme davon noch Jahrzehnte später mitreißt. Bis heute tritt er mit den ganz großen Konzerten auf – „viel zu oft“, sagt er mit seinem offiziellen Lächeln –, lieber aber geht er auf musikalische Entdeckungsreisen. Kein Geiger hat je ein größeres Repertoire gehabt als Kremer. Immer wieder spielt er die Stücke zeitgenössischer Komponisten, und nicht selten gelingt es ihm, manchen von ihnen (etwa Arvo Pärt, Alfred Schnittke oder Gija Kancheli) zu einer gewissen Popularität zu verhelfen. Daneben widmete er sich eine Zeit lang intensiv den ohnehin beliebten Tangos von Astor Piazzolla oder ganz unterschiedlichen Arten der Kammermusik.

„Ich mache nur die Musik, an die ich glaube“, sagt er. Nicht viele Musiker seien heute in einer solchen – hier sagt er endlich einmal: „glücklichen“ – Position. „Es gibt einen Verfall der Musikkultur: Quantität zählt vor Qualität.“ Um dem entgegenzuwirken, sucht er immer neue Wege zum Publikum. Sein neuestes Projekt mischt Musik mit Theater. Es heißt auf Englisch „Being Kremer“ – Kremer sein. Nicht nur sein schützendes Lächeln zeugt davon, dass das nicht leicht ist.

Aber wer ihn je Geige spielen gehört hat, weiß, dass es sich lohnt. Gidon Kremer spielt am 3. Oktober, 20 Uhr, das 2. Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch mit der NDR Radiophilharmonie und Eiji Oue. Bereits am Vortag ist er um 17 Uhr in der Gesprächsreihe „Auditorium“ Gast des Violinwettbewerbs. Kartentelefon: (05 11) 16 84 12 22. Der Wettbewerb beginnt am morgigen Sonnabend, Informationen unter www.violin-wettbewerb.de.

24.09.2009
Jutta Rinas 22.09.2009