Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Gidon Kremer begeistert beim Pro-Musica-Konzert in Hannover
Nachrichten Kultur Gidon Kremer begeistert beim Pro-Musica-Konzert in Hannover
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:17 17.10.2010
Ein Zauberer: Gidon Kremer.
Ein Zauberer: Gidon Kremer. Quelle: Nico Herzog
Anzeige

Der Geiger Gidon Kremer ist immer für eine Überraschung gut. Wenn er Schumann spielt, muss das nicht dessen Violinkonzert sein, sondern dann kann auch Schumanns Cellokonzert erklingen – allerdings in der Fassung für Geige. Aber Kremer wäre nicht der Zauberer, der er ist, wenn er dann einfach nur die vom Komponisten selbst erstellte oder doch zumindest angeregte Version („für Violine transscribirt“, wie Schumann eigenhändig anmerkte) spielen würde. Er präsentierte zum Auftakt der Pro-Musica-Konzertreihe „Spitzenensembles & Große Stars“ eine Fassung für Streichorchester, die der Komponist und Dirigent René Koering erarbeitet hat. Und die bestens zur Stammbesetzung der Kremerata Baltica passt.

Immer wenn Kremer mit dem von ihm gegründeten Kammerorchester auftritt, darf das Publikum mit Entdeckungen rechnen. Die Musiker, die wie der Lette Gidon Kremer aus den baltischen Staaten kommen (daher der Name des Ensembles), präsentieren zusammen mit ihrem Mentor gerne ausgefallene Programme.

Im leider nicht ausverkauften Großen Sendesaal des Landesfunkhauses Hannover begannen die Musiker aus Estland, Lettland und Litauen mit vertrackten und verspielten Variationen über das – für Musiker offensichtlich unerschöpfliche – Thema J. S. Bach. Und über seine Themen.

Gidon Kremer hat zehn Komponisten inspiriert, aus dem Bach-Repertoire des ebenso schrulligen wie genialischen Pianisten Glenn Gould kleine Stücke auszuwählen und an ihnen „The Art of Instrumentation“ auszuprobieren. Aus diesen Kunst-Stücken der Instrumentation wählten er und die Kremerata zum Auftakt vier Stücke aus, die wie eine kleine Suite erschienen.

Am bekanntesten von den vier ausgewählten Komponisten ist wohl der Georgier Giya Kancheli, der zum Auftakt „Brücken zu Bach“ baute, auf denen man leichtfüßig schreiten konnte. Das war verhaucht und verträumt, ließ mit Klangtupfern von Vibrafon und Klavier alle Fragen nach der Statik dieser „Bridges to Bach“ vergessen. Auf denen marschierte dann der Russe Aleksander Raskatov eher konventionell. Seine Bearbeitung von Präludium und Fuge d-Moll aus dem „Wohltemperierten Klavier“ könnte auch von Carl Perkins stammen. Raffinierter und kalkulierter ist der in Novi Sad geborene und seit dem jugoslawischen Bürgerkrieg von 1991 in Frankreich lebende Stevan Kovacs Tickmayer „After Gould“ her. Und der in Belgien lebende Russe Victor Kissine spielt nicht nur mit der Aria aus den Goldberg-Variationen, sondern auch mit Goulds (zugespielter) Interpretation.

Hatte bislang Gidon Kremer unterschiedlich dominant mitgespielt, so stand er bei Schumanns Cello-Violinkonzert im Mittelpunkt. Soweit es diese Bearbeitung erlaubte. Gidon Kremer spielte den Solopart feinsinnig, durchdacht und in Maßen auch durch Schwung mitreißend. Doch so interessant das auch klang, so anregend irritierend nicht zuletzt im schwelgerischen, manchmal fast willkürlich akzentuierten Ton des Orchesters – die Eloquenz des Originals erreicht die Violinfassung nicht. Ihr fehlt klanglich der Bauch und musikalisch das Herz. Aber das Ohr und das Hirn werden gut beschäftigt.

Nach der Pause machten Kremer und seine Kremerata neugierig auf ihre neue CD „De Profundis“. Mit dem gleichnamigen Streicherstück der litauischen Komponistin Raminta Serksnyte etwa, das die Rufe „aus der Tiefe“ mit schabenden Streicherklängen illustrierte. Schuberts Menuett mit zwei Trios ist dagegen Seelentrost. Der Este Arvo Pärt darf bei Gidon Kremer selten fehlen: Hier erklang seine Passacaglia für Violine und Streicher. Das Genrestück „Blühender Frühling“ des Letten Georgs Lelecs wirkte wie eine herb-süßliche Meditationsübung: dahingetupft vom Vibrafon, umschmeichelt von der Solivioline und geerdet vom Orchester.

Danach aber ging es mit Astor Piazzolla noch einmal lebhafter zur Sache. Seine „Fuga“ klang wie eine aufgekratzte Küchenschaben-Polonaise. Entsprechend gut war die Stimmung im Saal. Und als das Kammerorchester bei der zweiten Zugabe im rhythmischen Sprechgesang eine Art Competition-Rap anstimmte (man verstand immerhin die Namen Sol Gabetta und David Garrett), riss es die Zuhörer endgültig von den Sitzen: Ovationen im Stehen für einen spannenden Abend.

Rainer Wagner

Kultur Erinnerungen der Weggefährten - Mick Jaggers alter Mythos bekommt neue Kratzer
17.10.2010
Kultur Modernes Aschenbrödel - Susan Boyle beschreibt ihr Leben
17.10.2010