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Kultur „Gnade“ von Toni Morrison
Nachrichten Kultur „Gnade“ von Toni Morrison
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18:12 11.05.2010
Von Martina Sulner
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Als kleines Mädchen mag Florens nicht barfuß laufen. Ihre Fußsohlen sind so weich und empfindlich, dass Florens – ungewöhnlich für eine schwarze Sklavin im 17. Jahrhundert – immer irgendwo Schuhe abstaubt. Meistens sind es die ihrer Herrin.

Am Ende von „Gnade“, dem neuen Roman der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, ist Florens eine junge Frau. Mittlerweile sind ihre Fußsohlen hart wie Zypressenholz. Alles Kindliche und Sanfte hat die 16-Jährige verloren, und ihre Seele ist ähnlich verhärtet wie ihre Sohlen.

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Auf solche Geschichten von Frauen, die sich durchkämpfen müssen, die auf ein glückliches Leben hoffen und meist enttäuscht werden, versteht sich Toni Morrison. Die 79-Jährige gehört zu den großen Erzählerinnen der USA, zudem ist die afroamerikanische Autorin auch so etwas wie eine moralische Instanz ihres Landes. Immer wieder schreibt sie in ihren Romanen über Rassismus und Ungerechtigkeit – und über die Hoffnung, dass die USA beides überwinden.

„Gnade“, Morrisons neuer Roman, spielt in der Zeit vor der Gründung der USA, ­gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Der Kontinent ist noch wild und ungezähmt, und die Menschen, die dort auftauchen, müssen reichlich Überlebenswillen und Energie haben. Jacob Vaark etwa ist in finsteren englischen Waisenhäusern aufgewachsen. Als er ein Grundstück in der Kolonie erbt, kann ihn die Aussicht auf die harte Arbeit in der Neuen Welt nicht schockieren. Etwas Besseres als das Elend zu Hause findet er überall.

Vaark bringt es – mehr als Geldverleiher denn als Landwirt – sogar zu einigem Wohlstand. Als einer seiner Geschäftspartner seine Schulden nicht bezahlen kann, bietet er Vaark statt Geld eine Sklavin an. Der, obwohl Gegner der Sklaverei, nimmt das Angebot an: Das Mädchen Florens rührt ihn an, er nimmt es mit auf seine Farm.

Die ist ein Sammelbecken für Entwurzelte verschiedenster Herkunft: Jacob lebt dort mit seiner englischen Ehefrau Rebekka. Die hat er ihren Eltern abgekauft und nach Amerika schicken lassen. Außerdem gibt es dort die Indianerin Lina, die als Einzige ihres Stammes Krankheiten und Massaker überstanden hat, und das Findelkind Sorrow, Überlebende eines Schiffsunglücks.

Wenn Jacob mal wieder wochenlang geschäftlich unterwegs ist, bewirtschaften die Frauen die Farm allein. Der zusammengewürfelte Haufen versteht es, sich der Wildnis und den Anfeindungen der Nachbarn zu widersetzen, die den vermeintlich gottlosen Frauen nicht trauen.

Morrison beschreibt eine Zeit, in der alles möglich erscheint: Eine Indianerin (Lina) hält die Farm zusammen, eine Schwarze (Florens) kann besser lesen und schreiben als die meisten anderen, und eine Weiße (Rebekka) kümmert sich wenig darum, welche Hautfarbe jemand hat. Die zwei Sklaven, die ab und an auf der Farm schuften, sind ausgerechnet Weiße, die ihre Schulden von der Überfahrt abarbeiten müssen.

Es sind die Jahre vor der strikten Trennung der Rassen und der Versklavung der Afrikaner in Nordamerika. So schreibt Morrison in „Gnade“ quasi die Vorgeschichte ihrer anderen Bücher. „Menschenkind“ zum Beispiel, ihr wohl bekanntester, 1988 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Roman, erzählt von einer Sklavin in den Jahren nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg und von den seelischen Verwüstungen, die ein Leben in Unfreiheit anrichtet.

Auch in „Gnade“ geht es um die Folgen von Unfreiheit, doch unfrei – das macht Morrison etwas überdeutlich klar – sind eben auch die Armen, erst recht die unvermögenden Frauen. Und die Frauen, die auch manchmal als Icherzählerinnen auftauchen, schildern, wie auch Liebe abhängig machen kann. Florens verliebt sich rettungslos in einen freien schwarzen Mann, ist ihm nahezu hörig und dadurch gefangen.

Souverän spielt die Autorin mit unterschiedlichen Erzählstimmen und verknüpft Alltagsbeschreibungen, Träume und Mythen. In einer extrem verdichteten Sprache, die manchmal wie ein Prosagedicht klingt, beschreibt sie ein gewaltiges Land, das voller Möglichkeiten steckt, doch in dem schon die ersten europäischen Siedler und Händler Ureinwohner missbrauchen und massakrieren. Manchmal wirkt das Buch zu bemüht, alle Bevölkerungsgruppen in der Kolonie zu fassen und ihnen eine Stimme zu geben. Doch die Versöhnungsbereitschaft mancher Figuren berührt den Leser. Jacob Vaark habe die kleine Florens, auf die ihr voriger Herr ein Auge geworfen hat, gerettet, meint Florens’ Mutter. Ein Weißer hat ihre Tochter vor einem Weißen beschützt: „Es war kein Wunder. Gewirkt von Gott. Es war eine Gnade. Erwiesen von einem Menschen.“

Autor

Toni Morrison

Titel

Gnade

Verlag

Rowohlt

Seitenzahl

218 Seiten

Preis

16,95 Euro