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Kultur Goethes Besuch im Weserbergland
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19:02 27.07.2012
Von Simon Benne
1779 besuchte Johann Wolfgang von Goethe Rinteln. Quelle: Surrey
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Exten

Manchmal ist ein Fluss mehr als nur ein Fluss. „Hier ungefähr, hier muss er gestanden haben“, sagt Willy Mohrmann und deutet aufs Ufer der Exter. Natürlich hat sich einiges verändert seither, 233 Jahre sind ja kein Pappenstiel, da werden Bäume gefällt und Häuser gebaut. Aber Strömung und Vegetation nach zu urteilen, muss er hier gestanden haben, als er das Bild zeichnete. „Da können wir schon stolz drauf sein“, sagt der 60-jährige Mohrmann, der im Dorf die Poststelle und den Hofladen betreibt - und der neuerdings mit dem Gedanken spielt, Gedichtbände und „Goethe-Honig“ ins Sortiment zu nehmen. Denn das Dorf Exten bei Rinteln, 2000 Einwohner, Bäcker, Schlachter, „Wesergold“-Saftfabrik, ist ja seit einiger Zeit ein Goethe-Ort.

Vor vier Jahren nahm Richard Hüttel, damals Leiter der Graphischen Sammlung im Leipziger Museum der Bildenden Künste, eine von Goethe angefertigte Zeichnung mal genauer unter die Lupe. Das Bild einer Bachaue. Dabei entzifferte er die Buchstaben „ex“ und - nach einem Knick im Blatt - „en“. Er forschte nach und wurde fündig: „Hier schick ich die Zeichnung von Exten“, hatte Goethe 1783 seiner Vertrauten Charlotte von Stein geschrieben. Bereits 1779 hatte er ihr in einem Brief angekündigt: „Die Gräfin Wartensleben will ich besuchen.“ Isabella von Wartensleben (1743-1811) verkehrte damals in Europas besten Kreisen. Ihr Gatte, ein Feldmarschallleutnant, war bereits vor Jahren verschieden. Und die Gräfin lebte auf dem schmucken Rittergut in Exten, das es noch heute gibt.

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„Die Gräfin war damals A-Prominenz“, sagt Dietrich von Blomberg. „Und als junge Witwe mit viel Geld passte sie genau in Goethes Beuteschema“, fügt er ohne falsche Scheu vor Dichterfürstenthronen hinzu. Dietrich von Blomberg, eigentlich gelernter Kapitän, hat vor einigen Jahren die verfallene Orangerie des herrschaftlichen Anwesens wiederaufgebaut und lebt heute dort - „in dem Park, durch den schon Goethe wandelte“, wie er ganz beiläufig sagt.

Für Germanisten, die jedem Schritt des Dichters nachspüren, war die Entdeckung des bislang unbekannten Goethe-Ausflugs eine kleine Sensation. Goethe in Niedersachsen - da dachten Experten bislang an den Herder-Besuch in Bückeburg, an Wandern im Harz, Kuren in Pyrmont. Und jetzt ist Zeichnen in Exten dazugekommen. Für das Dorf ist das ein unverhoffter Glücksfall: „Da ist uns ein Stück Geschichte vor die Füße gelegt worden“, sagt Dietrich von Blomberg. „Goethe war bei uns, und es hat ihm hier so gut gefallen, dass er die Gegend gemalt hat.“ Er macht eine Pause. „Den Malkasten hat er immer ausgepackt, wenn ihm was gefallen hat“, schiebt er nach, als spräche er über einen alten Bekannten.

Überhaupt redet man jetzt öfter mal über Goethe, wenn man in Exten zusammensitzt: Soll es auf dem Anger ein Denkmal geben - oder ist nicht das Pflastern der Straße wichtiger? Was für ein Haus mag das wohl auf Goethes Zeichnung sein? Und lief da was mit dieser Gräfin? „Der Goethe-Besuch hat schon etwas Berührendes“, sagt Jürgen Maack vom Vorstand des Heimatvereins. „Das ist was Besonderes, das stärkt den ganzen Ort - da fühlt man sich in der Heimat gleich noch mal so wohl.“ Es ist, als würde das ganze Dorf dadurch geadelt, dass der größte der Dichter und Denker einst die Extener Feldmark durchschritten hat. Goethe war in Weimar. In der Campagna. In Rom. Und in Exten.

Tatsächlich hat sich in jüngster Zeit einiges verändert im Ort. Goethes Geist weht hier, und er verwandelt das Gesicht des Dorfes, wenigstens ein wenig. In der Heimatstube hat eine Kopie seiner Zeichnung inzwischen einen Ehrenplatz. Vertreter der Goethe-Gesellschaft Hannover haben das Dorf besucht. Kapitän von Blomberg plant in seiner Orangerie Goethe-Lesungen, Schulklassen sollen hierher kommen. Und im Gutspark haben Neuntklässler vom Gymnasium Ernestinum aus Rinteln kürzlich eine Blumenuhr nach Plänen des Botanikers Carl von Linné angelegt, einem Zeitgenossen Goethes. Inmitten dieses Beetes wird beim Gartenfestival „Jardin ouvert“ am 24. August, 11 Uhr, eine Goethe-Statue enthüllt. Die Künstlerin Tanja von Triller hatte den Entwurf zu „Herr Goethe steht in der Exter“ bei einem Künstlerwettbewerb eingereicht, dessen Ergebnisse das ganze Dorf heiß diskutierte.

Die Plastik zeigt den Dichter, der mit hochgekrempelter Hose knietief im Wasser steht. Zur Natur hatte er ja ein besonders inniges Verhältnis. Sein Rücken ist krumm, die spitze Nase reckt er zum Himmel, als würde er stolz zu sich selbst aufblicken. Als Goethe 1779 nach Exten kam, war er gerade 30 Jahre alt, doch er hatte schon den „Werther“ und den „Götz“ geschrieben. Im Jahr seines Abstechers an die Exter verfasste er den „Fischer“: „Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll...“. Generationen von Schulkindern haben die Ballade über den Angler auswendig gelernt, der von einer Nixe in die Fluten gelockt wird: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin / Und ward nicht mehr gesehn.“

Hofladenbetreiber Mohrmann hat da so eine Idee, woher Goethe die Idee zu dem berühmten Gedicht gehabt haben könnte. Er blickt auf die Exter. Laut rauscht das Wasser über die Steine. Irgendwo kräht ein Hahn, und hinter Mohrmann rostet ein gelber Golf pittoresk vor einer Backsteinmauer vor sich hin. „Wenn hier Hochwasser kommt, sind binnen drei Stunden alle Wiesen überschwemmt“, sagt er. Na bitte. Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll. Geschichte ist, was wir draus machen, und ganz Exten ist ein Dorf von Goethe-Exegeten.

Ganz Exten? Nicht ganz. Einigen ist die ganze Angelegenheit auch herzlich egal. Vor der Koch’schen Mühle steht Stephan Biese. Mit seiner Frau, einer Bildhauerin, lebt er in dem Gebäude, das fast 500 Jahre alt ist. Goethes Blick hat also auf dem Giebel geruht, jedenfalls nach menschlichem Ermessen. Aber Biese bleibt ruhig. Gut, sagt er. In der Schule habe er mal den „Erlkönig“ lernen müssen. „Aber generell müsste man sich mit der Materie erst mal befassen“, sagt er. „Und mir persönlich stünde ja Wilhelm Busch viel näher.“

Die Goethe-Statue wird in Rinteln-Exten, Im Gallenort 20, am 24. August, 11 Uhr, beim Gartenfestival „Jardin ouvert“ enthüllt. Infos: www.orangerie-exten.de.

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