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Kultur „Götterdämmerung" in München
Nachrichten Kultur „Götterdämmerung" in München
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12:10 03.07.2012
Von Rainer Wagner
Ritt auf dem Euro: Stephen Gould (links) als Siegfried, Anna Gabler als Gutrune und Iain Paterson (Gunther) in der „Götterdämmerung“. Quelle: dpa
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München

Nun hat die Euro-Krise auch die Oper erreicht. Und prompt schwächeln die Beteiligten. Nur die Zuschauer im Münchner Nationaltheater fragten sich offenbar: „Welche Krise?“ Nach der in Krisenzeiten üblichen langen Sitzung (hier waren es sechseinviertel Stunden) gab es einhelligen, wenn auch etwas erschöpften Beifall für die diesjährige Festspielpremiere. Der neue „Ring“, den die Bayerische Staatsoper in dieser Spielzeit gestemmt hatte, war geschlossen - und wirkte doch merkwürdig unrund. Nur mit einiger Mühe und viel Routine-Not konnte Regisseur Andreas Kriegenburg seine Geschichte zu Ende erzählen.

Das „Ring“-Finale beginnt ungewohnt realistisch. Was bislang eher in einer Sphäre nüchtern-moderner Mystik angesiedelt war, soll nun unter „Breaking News“ laufen. Also flackern zu Beginn der „Götterdämmerung“ im Hintergrund Nachrichtenzitate aus Fukushima und vom Tsunami auf. Die Nornen knüpfen ihren Handlungsfaden in einem Bunker, in dem Insassen ihre kontaminierten Foto-Erinnerungen an Geigerzähler-Träger ausliefern müssen: Die Bilder von gestern gelten nicht mehr.

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Die Bilder der ersten drei „Ring“-Teile offenbar auch nicht, denn Kriegenburg und sein Bühnenbildner Harald B. Thor erzählen jetzt eine ganz andere Geschichte weiter. Das Liebesnest von Brünnhilde und Siegfried ist eine Bretterbude, aus der der Held mit seinem Nachen aufbricht, um Abenteuer zu bestehen. Da sind sie dann doch mal wieder, die vielen Statisten, die diesen „Ring“ bislang prägten, die in immer neuen Zusammenballungen die Szene möblierten. Erneut dürfen sie mit sanft wogenden Leibern den Rhein markieren. Und ganz zum Schluss erinnert Kriegenburg dann noch einmal daran, wie alles begann: nämlich mit weißgekleideten Menschen, die in aller Unschuld in diesen Mythos einsteigen, ihn mitspielen.

Jetzt, wenn alles vorbei ist, wenn nur noch Gutrune auf der Bühne ist und leidet, dann kommen die Weißgekleideten, bergen die junge Witwe tröstend in ihrer Mitte. Licht aus. Und Schluss.

Das hätte ein spannender Denkansatz sein können: Gutrune als unschuldiges Opfer einer Intrige, die ihr Bruder Gunther und ihr Halbbruder Hagen angezettelt hatten. Nur leider hat Kriegenburg Gutrune als verzogenes Kapitalistengör eingeführt, das mit dem Brüderchen knutscht und ihm Geld aus der Börse mopst. Das weckt nicht unbedingt Empathie. Aber auch keine Antipathie. Nicht einmal zu den bösen Reichen reicht es, Dominique Strauss-Kahn hätte angesichts dieser Mini-Ausschweifungen nur maliziös gelächelt.

Kriegenburg hat die alte Formel Walhall = Wall Street aufgegriffen, die vor einem halben Jahrhundert Wieland Wagner bei George Bernard Shaws noch viel älterer „Ring“-Exegese ausgeborgt hatte. Also ändert Siegfried auf seiner Rheinfahrt offenbar den Kurs und landet in Mainhattan. Die Halle der Gibichungen liegt offenbar neben einem Gucci, Pucci & Fiorucci-Einkaufszentrum und könnte das Foyer einer großen Bank sein, durch das viele kleine Zeitdiebe eilen. Spätestens wenn Gutrune auf einem Schaukelpferd reitet, das die Form eines güldenen Euro-Zeichens hat, muss man den Dialektik-Generator einschalten und hoffen, dass dies als Parodie auf Kapitalismuskritik durchgehen könnte. Geht aber nicht, wenn später Tische ein bühnenfüllendes Euro-Zeichen ergeben, auf dem die Schwüre und Eide geleistet werden. Im dritten Akt muss diese Szene noch als Wald und Flussufer taugen, denn die Jagd findet im Saale statt. Alle Beteiligten sind nach der Hochzeitsparty von Gutrune und Siegfried noch ganz schön besemmelt. Spätestens, wenn Grane, das Pferd, im Hintergrund umgeparkt werden muss, weil man sonst die Requisiten und Siegfrieds Leiche nicht rein- und rausbekommt, zeigt sich, dass Harald Thors Bühnenbild alle Chancen hat, zum unpraktischsten der Saison gekürt zu werden (Andrea Schraad ist da vor allem für Gutrunes Garderobe schon Sinnvolleres eingefallen). Am Ende aber wird das ganze Mobiliar verschrottet und verbrannt.

Bis dahin aber verhandelt Kriegenburg die Geschichte noch nicht einmal besonders routiniert zu Ende. Ganz so, als habe er in Zeitnot in die Kiste mit den Regieeinfall-Versatzstücken gegriffen. Wenn sich da nichts fand, arrangiert er die Sänger an der Rampe. Es sagt ja einiges aus über Kriegenburgs Personenführung, wenn gar nicht auffällt, dass der raumgreifend singende Eric Halfvarson als Hagen erst vier Stunden vor Vorstellungsbeginn in diese Inszenierung eingestiegen ist. Halfvarson war für den virusgeschädigten Albert Pesendorfer (aus Hannover) eingesprungen, der ebenfalls Krankenersatz war.

Gesungen wurde in München vor allem laut - und das lag nicht nur daran, dass Opernchefdirigent Kent Nagano gern in die Vollen ging. Beim Bayerischen Rundfunk, der das alles live übertrug, gibt es ja Dynamikbegrenzer, im Opernhaus nicht. Da ist nicht nur der Trauermarsch für Siegfried eine akustische Grenzerfahrung. Aber spannend und (vor allem im ersten Akt) auch zügig musiziert war das schon, das Bayerische Staatsorchester zeigte sich fast durchgehend in bestechender Form.

Keinerlei Probleme, sich gegen diese Klangfluten durchzusetzen, hatte Nina Stemme, die derzeit wohl souveränste Brünnhilde, die es zum großen Schlussmonolog sogar schaffte, ihrer eher monochromen Stimme zartere Nuancen abzugewinnen. Da störte es doppelt, dass Kriegenburg Grane, das Pferd, durch Videobilder beschwören musste.

Ähnlich souverän und in der Waldvogel-Erzählung im dritten Akt noch immer präsent war Stephen Goulds Siegfried. Anna Gabler machte als Gutrune auch stimmlich gute Figur, Wolfgang Koch (Alberich), Iain Paterson (Gunther) und auch Michaela Schuster (Waltraude) hatten Festspielformat, die drei Nornen nicht unbedingt.

Münchens Opernfans waren dennoch zufrieden. Die Hardcore-Wagnerianer bereiten jetzt sich auf den kommenden Sommer vor, wenn in Bayreuth Frank Castorf den „Ring“ schmieden soll.

Alle weiteren Vorstellungen sind ausverkauft, die „Götterdämmerung“ am 15.Juli wird gratis als Public Viewing auf dem Opernplatz präsentiert.

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