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Kultur Goldene Tafel wird erforscht
Nachrichten Kultur Goldene Tafel wird erforscht
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21:11 09.05.2012
Von Simon Benne
Dr. Bastian Eclercy mit dem Modell der goldenen Tafel aus der Lüneburger St. Michaelis-Kirche. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Wenn es um die Goldene Tafel geht, schrecken auch gesetzte Experten vor Superlativen nicht zurück: „Dieser Altar ist eine Ikone, vergleichbar der Mona Lisa im Louvre“, schwärmt Bernd Lindemann, Direktor der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin. Und der Kunsthistoriker Bastian Eclercy, am hannoverschen Landesmuseum zuständig für Alte Meister, preist das gotische Prunkstück seines Hauses als „eines der größten, bedeutendsten, komplexesten Altarwerke des deutschen Mittelalters“.

In einem großen Forschungsprojekt wollen Wissenschaftler aus Berlin und Hildesheim, aus Frankfurt und Hannover jetzt die Rätsel lösen, die das um 1420 für die Lüneburger Michaeliskirche geschaffene Retabel noch immer umgeben. Die Volkswagen Stiftung finanziert das auf vier Jahre angelegte Vorhaben mit insgesamt 540.000 Euro. Stellen für Kunstgeschichtler, Historiker und Restauratoren werden ausgeschrieben. „Besucher können den Forschern sogar über die Schulter sehen“, sagt Wilhelm Krull, Generalsekretär der Stiftung. Denn in der Landesgalerie wird eine Werkstatt gewissermaßen um den Altar herumgebaut, mit Fenstern zum Zuschauen. Vom September an sind auch Werkstattführungen geplant.

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Unter anderem wollen die Wissenschaftler bei einer dendrochronologischen Untersuchung die Jahresringe des Altarholzes unter die Lupe nehmen, die je nach Jahreswitterung unterschiedlich dick ausfallen. Sie verraten so das genaue Alter der Schnitzereien - und deren Herkunft: Stammt das Holz aus Lüneburg – oder weist es womöglich auf einen alten Handelsweg hin?

Unklar ist auch, wer das Großwerk – mit einer Länge von mehr als sieben Metern ist der Altar noch einmal gut zwei Meter länger als die Mercedes-S-Klasse – anfertigen ließ. „In der Michaeliskirche wurden Billunger und Welfen beigesetzt“, sagt Bastian Eclercy. War der Altar also eine Auftragsarbeit des Adels? Dafür spricht, dass seine Motive wie geschaffen für eine Grabeskirche sind: Die Flügel des Altars zeigen die Kreuzigung und – als alttestamentliche Entsprechung – die Aufrichtung der ehernen Schlange.

Im Laufe des Kirchenjahres wurden die Doppelflügel einst aufgeklappt: An Sonntagen kam so eine Art Comicstrip mit 36 Szenen aus dem Leben von Christus und Maria zum Vorschein. An hohen Festtagen blickten die Gläubigen auf ein heute nicht mehr erhaltenes großes Relief aus Goldblech, umgeben von geschnitzten Heiligenskulpturen und kostbaren Reliquiaren, die wie in einem spirituellen Setzkasten angeordnet waren.

„Multimedia um 1400“

Schnitzwerk, Gemälde, Reliquien: „Das ist Multimedia um 1400“, sagt Kurator Eclercy. Auch diese Vielfalt der Genres und Techniken macht den Stellenwert des Altars aus. Ein anderer Altar, der vor einigen Jahren aufwendig restaurierte Barfüßer-Altar des Landesmuseums, gilt Experten da im Vergleich fast schon als spröde Malerarbeit – und das, obwohl Räuber das namensgebende, prächtige Relief der Goldenen Tafel schon im 17. Jahrhundert stahlen.

Auf einem alten Stich ist die Goldene Tafel noch zu sehen. Möglicherweise hatten die mittelalterlichen Künstler einst den ganzen Altar um dieses ältere Stück herumgebaut, das nach dem Abbruch einer anderen Kirche regelrecht recycelt wurde. „Wir könnten es mit einer Zweitverwendung zu tun haben“, sagt Eclercy. Auch darüber könnte das Forschungsprojekt neue Erkenntnisse bringen.

„Seit wir den Barfüßer-Altar untersucht haben, sind die technischen Möglichkeiten noch einmal deutlich vorangekommen“, sagt Restauratorin Babette Hartwieg von den Staatlichen Museen Berlin. Mit digitaler Infrarottechnik wollen die Forscher jetzt nicht nur winzige Fehlstellen und Risse kartieren, um so den Grundstein für eine mögliche Restaurierung zu legen. Sie hoffen, in den Farb- und Goldschichten auch verborgene Skizzen und Vorzeichnungen zu finden, die Aufschluss über Arbeitsweise und theologische Intention der Künstler geben können.

Als Schöpfer des Altars galt lange ein anonymer „Meister der Goldenen Tafel“. „Es ist aber bereits jetzt klar, dass mehr als eine Person an dem Altar gearbeitet hat“, sagt Restauratorin Hartwieg. Doch war die Werkstatt in Lüneburg? Legten, wie oft vermutet, auch Künstler aus Köln oder Westfalen Hand an? Das könnten Spuren der Punzen verraten: „Diese Werkzeuge haben eine Art Fingerabdrücke hinterlassen“, sagt Hartwieg. „Durch Vergleiche kann man womöglich mehr über die Werkstatt herausbekommen.“

In der Landesgalerie ist die Goldene Tafel bislang etwas unglücklich als eine Art Raumteiler positioniert. Das könnte sich nach der Untersuchung ändern: „Wir werden auch über eine Neuaufstellung nachdenken“, sagt Museumsdirektorin Katja Lembke. Die Präsentation krankt allerdings noch an einem anderen Übel: Denn die erhaltenen Reliquiare, die einst fest zur Goldenen Tafel gehörten, werden heute ein paar Hundert Meter entfernt verwahrt. Bei einem Ringtausch von Exponaten unter hannoverschen Museen nach dem Krieg wurden sie als kunstgewerbliche Artefakte eingestuft - und kurzerhand dem Kestner-Museum zugeschlagen.

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