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Kultur Lockruf des Goldes
Nachrichten Kultur Lockruf des Goldes
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17:12 10.03.2014
Von Simon Benne
„Ein neues Bild der alten Welt“: Die rätselhaften Goldspiralen kamen beim Bau der Erdgaspipeline in der Nähe von Syke ans Licht. Quelle: dpa
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Hannover

Es ist ein matter Glanz, der von dieser Vitrine ausgeht. Eine fast mystische Faszination umweht die Stücke, die dort im Dämmerdunkel liegen. Die unschätzbar kostbaren Exponate erzählen von Rätseln der Vergangenheit, vom Abenteuer einer modernen Schatzsuche – und vom Lockruf des Goldes, dem Menschen schon vor Jahrtausenden erlagen. Rund 3500 Jahre lang schlummerten die geheimnisvollen Metallspiralen unentdeckt im Erdreich. Erst 2011 kam der „Goldfund von Gessel“, der jetzt im hannoverschen Landesmuseum erstmals zu sehen ist, wieder ans Licht: Rund 1,7 Kilogramm wiegen die 117 Objekte, die bei der archäologischen Ausgrabung im Kreis Diepholz als großer Metallklumpen aus der Erde geborgen wurden.

Für die Archäologen war es ein Jahrhundertfund: Bei Bremen entdeckten sie im April 2011 einen Goldschatz aus der Bronzezeit.

„Für uns war diese Ausgrabung eher eine Eingrabung“, sagt Christoph von dem Bussche, Geschäftsführer der NEL Gastransport GmbH. Seine Firma hat jene Pipeline gebaut, die Erdgas von Sibirien bis in die Nähe von Osnabrück bringt: Riesige Rohre hat sie auf einer Länge von 204 Kilometern quer durch Niedersachsen verlegt. Immer gruben sich dabei Archäologen vor den Pipelineverlegern her – auf einer Fläche, die insgesamt so groß wie 1000 Fußballfelder ist: „Es war die größte Ausgrabung, die es in Niedersachsen je gab“, sagt Stefan Winghart, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege.

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Die Ausstellung „Im Goldenen Schnitt“ gibt jetzt Einblicke in die 150 Funde, die dabei ans Licht kamen: Steinzeitliche Gräber, germanische Siedlungen, mittelalterliche Brunnen – es sind höchst unterschiedliche Puzzleteile, die Forscher zusammenlegen müssen, bis sich ein Bild unserer Vergangenheit ergibt. Vielen Exponaten ist allein ihre Entdeckungsgeschichte gemein. Doch diese Ausstellung ist auch eine Art Leistungsschau der modernen Wissenschaft: Sie führt zum Beispiel vor, wie sich anhand uralter Pollen im Erdreich die Vegetation vergangener Zeiten rekonstruieren lässt. Und als Prunkstück bietet sie den Goldfund von Gessel – dem die moderne Technik schier atemraubende Geheimnisse entlockt hat.

„Erste Metalluntersuchungen deuten darauf hin, dass das Gold aus dem heutigen Afghanistan stammen könnte“, sagt Winghart. Möglicherweise handelten Indusvölker mit dem Edelmetall, das über Ägypten und den Balkan zu uns gelangte. „Wir haben es mit einem nahezu globalisierten Beziehungsgeflecht von Zentralasien bis Nordeuropa zu tun“, sagt Winghart: „Der Goldfund von Gessel zeichnet ein neues Bild der alten Welt.“
Die Golddrähte könnten dabei auch eine Art Fernhandelswährung gewesen sein: Warum sonst waren jeweils zehn der Spiralen zu einer Kette verbunden, wie abgepackte Banknotenbündel? „Solche Goldspiralen hat man von der Ukraine bis Spanien gefunden“, sagt Ausstellungskuratorin Babette Ludowici. Anders als bei klobigen Barren konnten Händler beim filigranen Goldspiralgeld zudem auch ausschließen, dass es Hohlräume enthielt – ein fast fälschungssicheres Zahlungsmittel.

Andere Exponate zeigen, dass Niedersachsens obere Zehntausend sich in der Bronzezeit (etwa 2000 bis 800 v. Chr.) gern mit Steindolchen aus Zentralfrankreich schmückten oder geschliffene Steinbeile aus den italienischen Alpen zur Schau trugen. Was den Vertrieb von Rohstoffen über Tausende Kilometer anbelangt, sind sich Bronzezeit und Erdgaszeit ziemlich nah. Und der Motor des bronzezeitlichen Wirtschaftslebens war das Gold: Bergleute bauten es ab, Händler transportierten es, und natürlich brauchte es Krieger, um die Schätze zu schützen.

Die Ordnung der globalisierten Welt hatte allerdings keinen Bestand: Um 800 v. Chr. lief das härtere Eisen dem Kupfer den Rang als wichtigstes Metall ab. Während sich Kupfervorkommen nur an wenigen Orten fanden, etwa in den Ostalpen oder im Erzgebirge, gab es Eisen häufig auch aus ortsnaher Produktion: Transportwege wurden kürzer, alte Handelsrouten brachen ab, politische Gewichte verschoben sich, Gold kam als Zahlungsmittel aus der Mode: „Schließlich brach ein ganzes Wirtschaftsgefüge zusammen“, sagt Winghart.

Heute ist das Gessel-Gold wieder begehrt: Ein Museum in Syke, in der Nähe des Fundortes, hat an dem Schatz Interesse. Es gibt Pläne, dort einen Neubau zu errichten, in dem aber wohl nur Reproduktionen und einzelne Originale als wechselnde Leihgaben zu sehen sein werden: Auf Dauer bleibe der Schatz im Landesmuseum, sagt dessen Direktorin Katja Lembke.

Warum das Gold von Gessel überhaupt vergraben wurde, gibt den Forschern immer noch Rätsel auf: Möglicherweise wurde es in Kriegszeiten von einer Sippe versteckt, oder das Deponieren der sonnenähnlichen Schmuckstücke hatte einen kultischen Hintergrund. „Sicher ist, dass der Schatz nicht in Eile vergraben wurde“, sagt Stefan Winghart. „Die Stücke, die in einem Leinenbeutel steckten, waren sorgfältig arrangiert.“ Es sieht so aus, als würde das Gold aus der Bronzezeit die Forscher noch Jahre beschäftigen.

Bis zum 2. März im Landesmuseum Hannover. Infos: (05 11) 9 80 76 86.

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