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Kultur „Good Food, Bad Food“: Die Misere der industrialisierten Landwirtschaft
Nachrichten Kultur „Good Food, Bad Food“: Die Misere der industrialisierten Landwirtschaft
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19:01 19.01.2011
Von Stefan Stosch
Wo unser Essen herkommt: Bauer in Indien.
Wo unser Essen herkommt: Bauer in Indien. Quelle: Alamode Film
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Das Wort Dioxin fällt im ganzen Film nicht, auch von Gammelfleisch oder BSE ist nicht die Rede. Es geht in der Dokumentation „Good Food, Bad Food“ nicht um schlagzeilenträchtige Skandale, nicht um die Auswüchse der industriellen Landwirtschaft. Es geht ums Ganze, um unsere Erde. Und das ist wörtlich zu verstehen.

Immer wieder beugen sich in diesem knapp zweistündigen Film Wissenschaftler und Landwirte über einen Acker irgendwo auf unserem Globus und nehmen eine Probe Erde in die Hand. Mal präsentieren sie harte, steinartige Brocken und gucken traurig drein, mal halten sie lose, saftige Häuflein in die Kamera und sind begeistert. Denn der eine Boden ist tot, der andere lebt.

Die französische Regisseurin Coline Serreau hat Mikrobiologen und Agrarökonomen, Wanderarbeiter in Brasilien, Saatgutsammler in Indien und Biobauern in der Ukraine aufgesucht, die allesamt nur ein Ziel haben: die Erde zu heilen. Dass der Ackerboden vergiftet, ausgebeutet, ja, „vergewaltigt“ wird, wie es hier einmal heißt, darüber sind sich alle einig.

„Würden alle Menschen so leben wie wir Franzosen, wären drei Planeten nötig. Und würden alle wie die Amerikaner leben, bräuchten wir sechs“, sagt Serge Latouche, Ökonom an der Universität ­Paris Sud. Und der französische Öko­bauer Pierre Rabhi sagt: „Eigentlich müssten wir uns vor dem Essen nicht ,Guten Appetit‘, sondern ,Viel Glück‘ wünschen“ – denn niemand wisse, was wirklich drin sei.

Die Regisseurin verlangt den Zuschauern ab, in großen Zusammenhängen zu denken, also genau das zu tun, was man beim Gang durch den Supermarkt gerne vermeidet. Sie verweist auf die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen der industriellen Landwirtschaft. Bis zu den Weltkriegen führt sie die ­Misere zurück: Für die Schlachtfelder produzierte die Industrie Senfgas und Ammoniak – in Friedenszeiten suchte sie neue Abnehmer, verlegte sich auf Kunstdünger und Spritzmittel, die aus ganz ähnlichen Ingredienzien bestehen.

Für die zahlreichen Experten in diesem Film sind die globalen Konzerne eindeutig die Hauptschuldigen. Die Agrarriesen machten die Bauern abhängig von ihren Produkten. Die Global Player versorgten Landwirte mit Hybridsamen. Alte, erprobte Arten von Mais, Äpfeln oder Reis, die sich selbst reproduzierten, gingen verloren. Immer stärker seien die Bauern auf die Hybridware und damit auf die Konzerne angewiesen – heute würden 95 Prozent des Saatgutes weltweit von nur fünf Konzernen hergestellt. Wer über das Saatgut verfüge, sagt ein Biologe, der verfüge über die Schöpfung.

Von Coline Serreau hätte man so ein aufklärerisches und auch anklägerisches Projekt nicht erwartet. Die Französin hat Komödien wie „Drei Männer und ein Baby“ inszeniert. „Wenn die Menschen die Wahrheit über unser Essen erfahren, wird sie das so wütend machen, dass sie etwas verändern wollen. Darum habe ich diesen Film gedreht“, sagt sie.

Serreaus Film wäre allerdings noch überzeugender, würde sie auch die Gegenseite zu Wort kommen lassen. Konzernmanager hat sie gar nicht nach ihrer Meinung gefragt. Die Einseitigkeit ist hier Prinzip. Auch filmisch kann ihre ­Dokumentation nicht mit Vorgänger­werken wie etwa „We feed the World“ mithalten. „Good Food, Bad Food“ besteht über weite Strecken aus sprechenden Köpfen. Aber was die Landwirte und Wissenschaftler zu sagen haben, ist trotzdem hörenswert.

Ohne es zu wollen, ist Serreau mit ihrem Film punktgenau in der aufgeheizten Dioxin-Debatte gelandet. Bei der morgen in Berlin beginnenden „Grünen Woche“, bislang eine Leistungsschau der konventionellen Landwirtschaft, ruft ein Bündnis von Bauern, Umwelt- und Tierschützern zu einer Demonstration gegen Gentechnik, Tierfabriken und Dumping-Exporte auf. In „Good Food, Bad Food“ können sich die Protestierenden in der Hauptstadt schon mal mit reichlich Argumenten versorgen.

Auf dem Boden der Tatsachen: Aufschlussreiche Doku. Kinos am Raschplatz.